Wer Einsfünfzig nicht ehrt …

S aufen

Ich halte mich für jemanden, der sich durch Ruhe und Überlegtheit auszeichnet. Jedenfalls möchte ich nicht den Eindruck erwecken, ein Spielball meiner Impulse zu sein. Wenn ein Problem auftritt, denke ich nach, bevor ich handle. Und dann wähle ich den Lösungsweg, der mir am sichersten, am meisten erfolgversprechend und am eingefahrensten erscheint.

Zum Beispiel: Wenn ich einen Euro fünfzig in einen Getränkeautomaten in der Uni stecke und ich höre die Johannisbeer-Schorle-Flasche fallen, aber sie bleibt irgendwo stecken (und eine Klappe im Ausgabegraben hindert mich daran, mit ungebrochenem Handgelenk in den Fallschacht zu greifen), dann trete ich schon mal gar nicht mit dem Fuß gegen den Automaten und schlage auf ihn ein; ich rüttle und schüttle aber auch nicht an der Maschine oder versuche, sie zu kippen. Ich unterlasse prinzipiell alles, was erstens Aufmerksamkeit auf mich lenken würde und mich zweitens impulsiv und unbedacht erscheinen lässt. Nein, ich rufe die Servicenummer des Automatenbetreibers an.

Zuerst muss ich aber das Gebäude verlassen, denn hier drin habe ich keinen Empfang. Ich memoriere eine Weile die Automatennummer. Für den Fall, dass ich danach gefragt werde. Dann wähle ich die Nummer und flenne: „Ich habe Geld in Ihren Automaten gesteckt, aber die Johannisbeerschorle ist nicht raus gekommen.“

Der Mitarbeiter der Automatenfirma bittet mich, möglichst doll am Automaten zu rütteln. Falls das nicht klappt, soll ich wieder anrufen.

Ich befolge seinen Rat und natürlich kommt die Flasche, die ich vorhin immerhin irgendwo aufschlagen gehört habe, nicht zum Vorschein. Ich beschließe, eine Flasche Apfelschorle zu ordern. Kann man ja immer mal brauchen und vielleicht stupst sie die Johannisbeerschorleflasche einfach mit raus.

Da schlafe ich noch

Tut sie nicht, aber die Apfelschorle wird ausgeliefert, immerhin. Ich lerne wieder die Automatennummer auswendig und begebe mich zurück ins Freie, von wo ich nochmals den Automatenservice anrufe. Derselbe Mitarbeiter antwortet und ist freundlich und zuvorkommend. Endlich fragt er mich nach der Automatennummer. Er schreibt sich auch meine Handynummer auf. Gern würde er mir meine Einsfünfzig erstatten. Kann mich der Kollege, der morgen früh die Automaten auffüllt, telefonisch erreichen? Er wäre auf seiner Tour so zwischen fünf und sechs Uhr an dieser Maschine. Ob ich spontan sei? Und zufällig Schichtarbeiter?

Ich traue mich irgendwie nicht, zu sagen, dass ich nur Student bin: „Das ist nicht so praktisch. Aber nicht so schlimm! Ich wollte Sie nur wissen lassen, dass vielleicht mal jemand nach dem Automaten sehen müsste.“ Ich will nicht kleinlich sein. Meine Johannisbeerschorle darf meinetwegen in dem Automaten bleiben, wenn er nur in Zukunft zuverlässig tut.

Der Automaten-Service-Mitarbeiter würde mir jetzt aber doch gern mein Geld erstatten. Das ist für ihn eine Frage der Ehre. Ich tue alles, um ihn abzuwimmeln. Ich glaube nämlich, dass ich vor acht Uhr gar nicht in das Gebäude komme.

„Gibt es da vielleicht eine Pforte, wo wir das Geld auf Ihren Namen hinterlegen können?“, fragt der Mann.

Im Sekretariat der Alten Geschichte oder was? Ich glaube, das macht um neun auf und ich habe die letzten Jahre alles dafür getan, dass mein Name in der Uni niemandem bekannt vorkommt. Ich lasse alles noch ein bisschen komplizierter klingen und sage: Ist schon gut.

„Wir hätten Ihnen das Geld natürlich gern erstattet, aber wenn Sie selber sagen, dass es für Sie unpraktisch ist …“

Hat er mich gerade bequem genannt?


Video: Ein kalter Krieg gegen echte Arbeit?

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von | 8. Januar 2014 · 18:05

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