Zeitenwischer

Das Blog «Zeitsprung» macht sichtbar, wie meine Heimatstadt altert. Beziehungsweise sich verjüngt.
.
Weimar (Symbolbild)

Coudraystraße Weimar 2011

Weimar, meine Ex-Stadt, sieht sowieso schon aus als hätte jemand einen Eimer Geschichte darüber geleert. Die Historie ist überall ein bisschen hin gespritzt, aber manche Stellen sind durchgeweichter als andere. Wie jede Stadt ist Weimar an verschiedenen Stellen unterschiedlich alt. Manche Ecken erneuern sich schneller als andere, wie Zellen in einem Lebewesen. Manche Ecken putzen und pflegen ihre historischen Fassaden, bis sie nach Neuwagen duften. Andere bröseln einfach vor sich hin. Aber für mich ist kaum irgendwo das Gefühl so stark, immer in mehreren Zeitaltern gleichzeitig zu stehen, wie in Weimar.

Ein Blog, von dem ich seit Tagen nicht die Maus lassen kann, zeigt, wo Weimar in verschiedenen Geschwindigkeiten altert. Auf «Zeitsprung» verschweißt Alexander Rutz historische Fotos von Weimarer Ecken mit modernen Aufnahmen. Was an «Zeitsprung» so befriedigt, ist das Hin- und Herschieben der Scheide zwischen altem und neuem Bild. Beide liegen jeweils deckungsgleich übereinander und der Mauszeiger zieht das neue Foto wie einen Vorhang über das alte. (Den Effekt habe ich schon mal auf einer Website gesehen, aber Rutz erzählt, dass das von ihm genutzte Skript eine eigene Weiterentwicklung sei.)

Mutmaßlich der Löwenanteil vom Aufwand steckt in der Herstellung eines Bildes, das genau über das alte passt. Damit die Veränderungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart so pointiert wirken, muss alles, was gleich geblieben ist, genau passen. (In diesem Text beschreibt Rutz seine Arbeit an einem Zeitsprung.)

«Zeitsprung» zeigt, wie Weimar sich – manchmal auch nicht sonderlich – verändert hat. Es zeigt gerade auch unscheinbare Ecken und untouristische Ansichten. Die Coudraystraße ist zum Beispiel so eine Ecke, wo sich Zeiten überwerfen. In dem Sprung von 1938 zu heute mit einem Parkplatzschild weniger und einem Glasbau mehr wische ich seit Tagen hin und her. Mein Foto oben zeigt einen Gegenschuss, auf dem sich eine bröselnde Baracke in der High-Tech-Fassade spiegelt, wo früher eine ganz ähnliche Scheune stand. Mein persönliches Symbolbild für Weimar.


Auch noch:

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter 06 Martin Josts Kulturkonsum, 11 Das Transpostmoderne Manifest, Blog-Exklusiv, Martin kuckt

Sag, was du denkst!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.