Bromance

Den Vogel schießt einer von Avi Mograbis Kameramännern ab. Während eines Wahlkampfauftritts von Ariel Sharon sitzt der Politiker auf dem Podium, aber redet gerade nicht. Stattdessen tauscht er Blicke mit dem Filmemacher Mograbi, der bei dem Dreh als Tonmann fungiert. Mograbi und Sharon blicken sich an, schlagen ihre Augen auf und lächeln einander zu. Mograbis Kameramann zeigt nicht Sharon, dem das Team in seinem Wahlkampf monatelang hinterherreist, sondern zoomt auf den Regisseur. Die beiden flirten.

«How I learned to overcome my Fear and love Arik Sharon»

★★★✩✩

Israel 1997
Farbe, 61 min
Hebräisch m. dt. Untertiteln

Buch: Avi Mograbi


Das ist bemerkenswert, weil Mograbi fest vorhatte, Ariel (kurz Arik) Sharon nicht zu mögen. Mograbi ist ein Linker, Arik Sharon ein Rechter. Mograbi hat den Kriegsdienst verweigert und dafür im Gefängnis gesessen. Sharon war ein Befürworter der isralischen Siedlungspolitik und trat 1983 als Verteidigungsminister zurück, nachdem ihm eine politische Mitschuld an dem Massaker von Sabra und Schatila unterstellt wurde.

Mograbi zeigt in seiner Dokumentation, wie er versucht, eine Dokumentation zu drehen. Das beinhaltet zu Anfang sehr frustrane Vorrecherchen, bei denen er auf Biegen und Brechen nicht an Ariel Sharon herankommt. Die Assistentinnen und Assistenten des Wahlkämpfers vertrösten und weichen aus. Mograbi filmt sich am Telefon, wie er versucht, den Termin und Ort von Ariel Sharons nächstem Auftritt herauszufinden. Mit Google wäre das leicht, aber «How I learned to overcome my Fear and Love Arik Sharon» wurde 1996 gedreht.

Mograbi schneidet die Telefongespräche mit und macht die Warteschleifenmusik zur Filmmusik.

Wochenlang heißt es, Ariel Sharon melde sich bald bei ihm. Er ruft aber nie zurück. Dass Mograbi dran bleibt, lässt sich nur mit der Besessenheit erklären, die er sich selbst eingesteht.

Wenn Mograbi erzählt, bleibt er nicht im Off, sondern spricht direkt in die Kamera. Er sitzt in seinem Wohnzimmer und erzählt die Geschichte seiner zunehmenden Besessenheit von Ariel Sharon, die so schlimm wird, dass sogar seine Frau Tammi die Kinder einpackt und ihn verlässt.

Der Gegner entwischt

Nachdem er durch puren Zufall mit Lichttechnik bei einer Wahlkampfveranstaltung aushelfen konnte, hat Mograbi bei Sharon und dessen Wahlkampfteam auf einmal einen Stein im Brett.

Erst macht er sich Vorwürfe, dass er den Rechten, seinen erklärten Gegnern, eine Kundgebung gerettet hat. Aber ab jetzt kriegt er Zugang. Mit seinem Team reist er seinem Feind hinterher, der zu Anfang misstrauisch war, aber inzwischen wohl glaubt, es mit einem Filmemacher zu tun zu haben, der ihm wohlgesonnen ist.

Sharon ist freundlich und charmant, wenn auch nicht besonders verbindlich. Er erkennt Mograbi immer öfter. Die beiden wechseln bei jedem Treffen ein paar Worte. Irgendwann bedenkt Sharon Mograbi auch mit Seitenblicken oder macht mit ihm verschwörerisch Faxen, während er auf einer Bühne sitzt. Mograbis Besessenheit verdreht sicht in Sympathie, wie er erzählt. Ab hier ist er verloren.

«How I learned to overcome my Fear and love Arik Sharon» verläuft nicht nach Plan. Avi Mograbi wollte Arik Sharons Abschiedstournee zeigen. Stattdessen zeigt er die Widersprüche, mit denen er als Dokumentarfilmer kämpft: Nur seine Besessenheit ermöglicht Mograbi am Ende den Zugang und die Bilder, die er braucht – sie nimmt ihn aber auch ganz ein und zerstört scheinbar sein Privatleben. Es ist Mograbi unmöglich, in der Rolle des neutralen Beobachters zu bleiben. Nicht nur ist Voraussetzung für sein Porträt, dass er mit dem Porträtierten interagiert – er unterstützt ihn sogar mehr oder weniger unfreiwillig.

Und schließlich ist er auf der Suche nach einem Sündenbock, den er für die Politik zur Rechenschaft ziehen kann, gegen die er kämpft. Doch in Ariel Sharon findet er nur einen Menschen, den er, ehe er sichs versieht, mag und der sich bei einer Podiumsdebatte ganz deutlich verteidigt: Nicht er habe Soldaten in den Krieg geschickt, einzelne Männer seien dafür nie verantwortlich – sondern Menschen in den Tod zu schicken, sei immer die Entscheidung einer Regierung.

Ariel Sharon ist für Avi Mograbi nicht zu greifen und sein Film handelt davon, wie der Falke ihm durch die Lappen geht.


«How I learned to overcome my Fear and love Arik Sharon» lief am 9. Mai 2015 in der Avi-Mograbi-Werkschau beim Internationalen Dokumentarfilm-Festival DOK.fest in München.


Wenn Sie «How I learned to overcome my Fear and love Arik Sharon» mochten, könnte Ihnen auch gefallen:

  • Ari Folman: «Waltz with Bashir»
  • David Foster Wallace: »Up, Simba« (gesammelt in «Consider the Lobster and other Essays»)

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von | 11. Mai 2015 · 23:27

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