Kategorischer Imperativ, angewandt

Ein heranwachsender Vegetarier macht sich früher oder später Gedanken über die Zukunft und kommt auf eine wichtige Frage. Die Frage lautet: Wenn ich im 24. Jahrhundert leben würde und die Welt sähe so aus wie durch die Science-Fiction-Serie «StarTrek» vorhergesagt – würde ich dann Fleisch aus dem Replikator essen?

Auf Holz

Eine gekürzte Fassung dieses Artikels erschien am 1. Oktober 2015 in der «Berliner Zeitung».


Immerhin wäre dann – so die Zukunftsvision von StarTrek – alle Nahrung auf Molekülebene in einer High-Tech-Wichtelwerkstatt zusammengebastelt. Denn die Technik der Science-Fiction hat die Umwandlung von Energie in Materie und zurück gemeistert. Nichts, was es auf einem Raumschiff der Sternenflotte zu essen gibt, wäre irgendwo tatsächlich gewachsen. Schon gar nicht an einem lebenden Tier.

Die Frage gehörte eben noch ins Reich der Kreativität, aber plötzlich ist sie viel weniger fantastisch. Denn Forschern ist es erstmals gelungen, Fleisch im Labor herzustellen. Dieses genetische Rindfleisch ist in einer Petrischale und nicht am Körper einer Kuh gewachsen.

Unter großem Medienaufsehen haben die Wissenschaftler eine Bulette aus Rinder-Muskelfleisch verspeist, das aus Stammzellen gewachsen ist. Die ursprünglichen Stammzellen hat eine großzügige Kuh bei einer kleinen Biopsie gespendet.

Das Dilemma für den Vegetarier liegt in der Definition von „vegetarisch“. Wenn vegetarisch alles Essbare ist, was nicht von einem Tier abgeschnitten wurde oder für dessen Gewinnung kein Tier über den Jordan gehen muss, dann ist Stammzellenfleisch nah dran, essbar zu sein.

Noch ist das Produkt nach meiner Definition nicht vegetarisch. Das künstliche Fleisch ist bisher auf eine Nährlösung angewiesen, die mit Hilfe von Rinder-Embryonen hergestellt wird. Aber erklärtes Ziel der Forscher ist, das Laborfleisch ohne tierische Zusatzstoffe zu züchten.

Warum die Wissenschaftler die Entwicklung ernst meinen und es nicht bei einer Spielerei belassen? Aus dem selben Grund, aus dem Autohersteller alles daran setzen, schadstofffreie Motoren herzustellen (haha). Ökonomischer Druck könnte der Motor der Kunstfleischentwicklung sein.

Bisher gilt die Formel: Eine Kalorie aus Fleisch kostet in der Herstellung zehn mal so viel Energie und Rohstoffe wie eine Kalorie aus pflanzlicher Nahrung. Das billige, subventionierte Discounter-Gammelfleisch ist in Wirklichkeit natürlich auch nicht billig. Es ist der VW-Motor unter den Tierprodukten. Die Ökosphäre zahlt drauf. Und die ist irgendwann erschöpft. Doch immer mehr Menschen weltweit stehen auf Fleisch. Der Anreiz, ihren Hunger ökonomisch zu stillen, könnte günstiges, vegetarisches Stammzellenfleisch schon bald zur Serienreife treiben.

Würde ich Laborfleisch essen?

Zurück zu mir. Möchte ich echtes Fleisch essen, das fernab vom Tier gezogen wurde?

Es ist kein dringliches Bedürfnis. Abgesehen von einer moderaten Grundneugier, vor allem befüttert von einem wissenschaftlichen „Sense of Wonder“, bin ich nicht scharf darauf, vegetarisches „echtes“ Fleisch zu essen. Ich habe jetzt 19 Jahre lang kein Fleisch gegessen und musste mir nichts verkneifen. Ich bin nicht Gesundheits- oder Öko-, sondern Ekel-Vegetarier. Die zahlreichen „Schmeckt wie Wurst“-Produkte, die es schon längst im Supermarkt gibt, sind nicht für mich gemacht.

Falls ein pflanzliches Fleischimitat tatsächlich mal an echtes Fleisch erinnert, verstört mich das höchstens. In der Mensa gab es einmal „veganes Gulasch“. Die enthaltenen Sojabröckchen waren so authentisch faserig, dass ich zwei Mal aufstand um das Küchenpersonal zu fragen, ob ich auch wirklich nicht aus Versehen auf Tierteilen herumkaute. Auch meine Tischgenossin – eine studierte biologische Anthropologin, die in ihrem Institut im selben Moment einen Topf mit menschlichen Überresten auf dem Feuer hatte, um vor der forensischen Untersuchung das verweste Fleisch vom Skelett abzulösen – kam in der Frage meiner Faser-Sojabröckchen zu keinem eindeutigen Befund. Aber eine so überzeugende Imitatqualität ist die Ausnahme und der Markt für richtiges Fleisch ist mit Sojaersatz kaum totzukriegen.

Ich weiß nicht, ob ich jemals in die Verlegenheit komme, Laborfleisch zu probieren. Aber ich kann doch nicht erst im Moment nach einer Haltung kramen, wenn mir ein Laborfleischzüchter mir ein an einem Zahnstocher aufgespießtes Pröbchen unter die Nase hält.

Eine Unentschiedenheit in der Sache wäre für mich, obwohl die Frage nicht akut ist, ein unerträglicher Zustand. Denn frei nach dem kategorischen Imperativ – „Handle stets so, dass die Maxime deines Handelns zugleich auch als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte“ – brauche ich ein Mandat meines Gewissens, um bei Tisch handlungsfähig zu sein.

«StarTrek», das die Frage zuerst theoretisch aufgeworfen hat, liefert eine mögliche Antwort. Spock als Vertreter der leicht eingebildeten außerirdischen Rasse der Vulkanier lehnt Fleisch grundsätzlich ab. Und sei es von einem Replikator künstlich erzeugt.

Die Vulkanier sind als Volk übrigens große Philosophen, der Logik und dem rationalen Denken verpflichtet – und ausschließlich Vegetarier.


Auch das noch:

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