Oh, wie spannend ist Panama

Ich hatte heute früh ein vordigitales Erlebnis, eine in ihrer Retrohaftigkeit geradezu hippe Widerfährnis: Ich sah in der Eisenbahn in die Zeitung eines Mitpendlers und konnte es beim Aussteigen kaum erwarten, selbst ein Exemplar in die Finger zu bekommen. Die Zeitung war die «Süddeutsche» vom heutigen 4. April 2016. Die SZ hat heute mit den „Panama Papers“ aufgemacht, einer Enthüllungsstory über Tunichtgute, die mit Hilfe von über 200.000 Scheinfirmen Schwarzgeld um die ganze Welt verschieben.

In geleakten Dokumenten finden sich unter anderem die Namen des saudi-arabischen Königs, des ukrainischen Präsidenten, von engen Vertrauten des russischen Präsidenten und von Islands Premierminister. In das Komplott verwickelt sind der SZ zufolge auch Fußballer, Sportfunktionäre und Geheimagenten. Im Zentrum der Affäre steht die panamaische Kanzlei eines Anwalts aus Deutschland, die sich auf die Gründung von Offshore-Briefkastenfirmen spezialisiert hat.

tl;dr

Die «Süddeutsche» vermarktet ihre Berichterstattung aus den „Panama Papers“ als Krimi mit Fortsetzung. Die aufwändig produzierte Enthüllungs-Story ist gigantische PR für den Journalismus.


Die Beweise für die Existenz der Firmennetzwerke und Geldströme, die so genannten „Panama Papers“ im Umfang von 2,6 Terabyte, hat ein anonymer Informant der SZ zugespielt. Die Zeitung hat damit einen gewaltigen Coup gelandet – für den investigativen Journalismus, aber auch für die guten alten Holzmedien.

Wie ein Kolportage-Roman

Dass mir das Dossier über die „Panama Papers“ überhaupt ins Auge fiel, lag in erster Linie an der Aufmachung. Die Titelgeschichte zum Thema hat die doppelte Höhe eines typischen SZ-Aufmachers. Darüber hinaus ist das Aufmacherbild kein Foto, sondern eine Zeichnung. Es erinnert an ein Kinoplakat für einen Agententhriller aus den Sechzigern.

Der Stil der Illustration wiederholt sich in der gesamten Zeitung. Peter M. Hoffmann hat insgesamt elf zum Teil halbseitige Zeichnungen in der heutigen «Süddeutschen Zeitung» beigesteuert. Wenn mein Pendlerkollege umblätterte, sah ich immer wieder die charakteristischen Pastellporträts von Männern, die vermutlich nie zusammen für ein Foto posiert haben.

Neben dem Aufmacher, der Reportage auf Seite Drei und einem Kommentar widmet die SZ ein komplettes Buch von Seite neun bis Seite 16 den „Panama Papers“.

Eine eigene Corporate Identity: Die SZ hat den „Panama Papers“ zum griffigen Titel auch ein Logo gegeben. Mit acht Seiten füllte die Berichterstattung in der Ausgabe vom 4. April 2016 ein eigenes Buch. Im Bild: Die erste Seite des „Panama“-Buchse. Die Illustrationen von Peter M. Hoffmann geben der Marke „Panama Papers“ einen eigenen Stil. Alle Artikel zum Thema fasst die «Süddeutsche Zeitung» auf panamapapers.de zusammen. Ein Teil der Texte befindet hinter der Paywall.

Eine eigene Corporate Identity: Die SZ hat den „Panama Papers“ zum griffigen Titel auch ein Logo gegeben. Mit acht Seiten füllte die Berichterstattung in der Ausgabe vom 4. April 2016 ein eigenes Buch. Im Bild: Die erste Seite des „Panama“-Buches. Die Illustrationen von Peter M. Hoffmann geben der Marke einen eigenen Stil. Alle Artikel zum Thema fasst die «Süddeutsche Zeitung» auf panamapapers.de zusammen. Ein Teil der Texte befindet sich hinter einer Paywall.

Die Story hat neben einem alliterierenden Serientitel von der «Süddeutschen» auch ein Logo bekommen. Die Zeitung kennzeichnet alle Beiträge mit einem blauen P, unter dem blätterhalber ein rotes P zum Vorschein kommt. Wortmarke, Logo und Illustrationen machen die Corporate Identity der Reihe „Panama Papers“ komplett.

„Panama Papers“ ist auf Fortsetzung angelegt. Wie lange die SZ die „Panama Papers“ im Stil eines Fortsetzungsromans auswerten wird, kann sie nicht vorhersagen. „Bis Ende des Jahres. Mindestens“, sagt Bastian Obermayer im Making-Of-Video. Die 11,5 Millionen Dokumente bieten Lesestoff für Jahre.

Spannend wie eine Krimiserie

Und spannend ist die Geschichte! Sportidole, Staatslenker, Mafiosi und Agenten sind genauso in die Panama-Affäre verstrickt wie die Typen, von denen wir schon immer wussten, dass sie Dreck am Stecken haben. Wir lesen einen Krimi mit aufregenden Fortsetzungen. Menschen, die wir aus den Nachrichten kennen, werden ertappt und überführt werden. Menschen, die Steuern hinterziehen, werden ins Licht der Öffentlichkeit gezogen werden. Menschen, die sich für schlau und unverwundbar hielten.

Abseits vom zu befriedigenden Voyeurismus werden große Themen aufgemacht: schmutziges Geld und  die Finanzierung des internationalen Terrorismus; die Überheblichkeit der Reichen; die Korruption der Weltpolitik; Schuld und Sühne; die Kleinen gegen die Großen; die Hilflosigkeit des Rechtsstaats gegen die größten Schurkereien. Globale Wirtschaftspolitik gewürzt mit den Elementen eines Thrillers, verwoben mit den Geschichten der Journalisten, die ermitteln und – vielleicht irgendwann – mit der Geschichte der Quelle hinter den Leaks.

Wer auch immer „John Doe“ ist, der 2,6 Terabyte Daten aus der Kanzlei Mossack Fonseca in Panama geschmuggelt hat, hat nicht nur der Zivilgesellschaft einen Dienst erwiesen, sondern auch den herkömmlichen Nachrichtenmedien. Er hat die Daten nicht einem Blogger oder einer Enthüllungsplattform zugespielt, sondern einer Zeitungsredaktion.

Gut zwei Dutzend Autorinnen und Autoren haben die „Panama“-Artikel in der heutigen SZ geschrieben. So viele journalistische Profis kann nur eine große Zeitung aufbieten und ausstatten. „400 Journalisten aus fast 80 Ländern“ bearbeiten das Thema wie bei den Snowden-Leaks in einem Recherchenetzwerk. Aus Deutschland sind neben der SZ der NDR und der WDR dabei.

Die 400 Journalistinnen und Journalisten mit ihren Ressourcen fressen sich ganz langsam durch eine unvorstellbare Datenmenge. Sie wissen wahrscheinlich selbst nicht, welche Geschichten sich darin noch finden werden. Kein ehrenamtliches Netzwerk könnte die Geschichte mit derselben Kompetenz bearbeiten und eine vergleichbare Reichweite erzielen. Für die alten Medien sind die „Panama Papers“ traumhafte PR.


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