Auf dem Trittbrett nach Panama

The Panama Papers: Cover des Exploitation-Ebooks, das das Offshore-Daten-Leck mit Putin-Erotik verbindet.

Die erste Buchveröffentlichung zu den Panama Papers ist ein Erotik-Thriller mit einem fiktiven Vladimir Putin in der Hauptrolle. Kein Witz: Das E-Book erschien am 4. April (!) auf Amazon. Mehr dazu weiter unten.

Die «Süddeutsche Zeitung» hat mit den so genannten „Panama Papers“ einen Coup gelandet. Ein weltweites Netzwerk aus Medien hat in dieser Woche über die Unterlagen berichtet. Das wohl größte Datenleck der Geschichte dokumentiert die Geschäfte der panamaischen Kanzlei „Mossack Fonseca“ mit Offshore-Briefkastenfirmen. Am Montag habe ich hier darüber geschrieben, wie genial die «Süddeutsche» die Fortsetzungsgeschichte rund um die „Panama Papers“ vermarktet.

Die sozialen Medien sind ebenfalls voll vom Stichwort #PanamaPapers. Auf der Welle dieses Hashtags lässt sich eine Menge Aufmerksamkeit mitnehmen. Ein paar gewitzte Vermarkter haben in kürzester Zeit reagiert. Auf teils absurde Weise versuchen sie, Profit aus dem Wirbel um die „Panama Papers“ zu schlagen.

Drei Beispiele (dieses Blog nicht mitgezählt):


1.) Die Weltverschwörung, Folge 702331

Die Verschwörungstheorie, die davon handelt, dass die Reichen und Mächtigen mit unsichtbarem Geld schalten und walten, wie sie wollen und ihre Machenschaften vor uns verstecken, hat empfindlich Schaden genommen, als die Verschwörung mit Hilfe der geleckten „Panama Papers“ aufgedeckt wurde. Es verstößt gegen die Logik der Verschwörungstheorie, dass ihre Mechanismen ans Licht und die Dunkelmänner zur Rechenschaft gezogen werden. Aber was ein guter Verschwörungstheoretiker ist, lässt sich von ein bisschen Transparenz nicht aus der Ruhe bringen. Notfalls passt er im laufenden Betrieb sein Weltbild an.

Die Lösung ist eine versteckte zweite Ebene der Verschwörung. Die dubiose Offshore-Kanzlei Mossack Fonseca ist demnach nach wie vor nicht das, was sie scheint. Also keine geheimniskrämerische Firma, die jetzt komplett nackig gemacht wurde. Sondern hinter vordergründig entlarvten Fachanwälten für Steuervermeidung stecke in Wirklichkeit der israelische Geheimdienst Mossad, so eine Verschwörungstheorie, die die Aufmerksamkeit rund um die Panama Papers abgreift. Aufdringlichstes Indiz: Die Namensähnlichkeit zwischen ‚Mossack‘ und ‚Mossad‘.

In der Kolumne «Die Wahrheit» in der «taz» macht sich Leo Fischer über die im Netz kursierenden Mossad-/Mossack-Theorien lustig:

„Rückendeckung erhält ‚aprilfrisch‘ auch durch das Investigativteam von ‚horstpeter64‘ und ‚liebeslieschen‘, das durch eine Serie brisanter Ausrufezeichen bei ‚Politically Incorrect‘ auffällig wurde: ‚Wir haben es zuerst auch nicht glauben wollen!!!!‘, so ‚liebeslieschen‘. ‚Aber der Name der Kanzlei, die diese krummen Dinger gedreht haben soll, ist wirklich Mossack Fonseca. Ich meine, hallooo?!!!!‘“

—Leo Fischer: Die Wahrheit/ Denk ich an Mossad in der Nacht.
In: taz vom 6. April 2016. Online auf taz.de.

Eine antisemitische Verschwörungstheorie! Das ist nicht nur perfide, sondern von einer geradezu kriminellen Einfallslosigkeit.


2.) Ganz legal in Hardware investieren

Die Böblinger Firma MCL bietet IT-Dienstleistungen für Unternehmenskunden an. MCL nutzt E-Mail-Newsletter für ihr Marketing. In einer am Donnerstag verschickten Mail, die unter anderem für Business-Laptops wirbt, gingen die Marketer schon auf das allgegenwärtige Thema „Panama Papers“ ein:

Screenshot aus einem Newsletter der Firma MCL: Das Marketing bezieht sich in mehreren Kalauern auf aktuelle Themen. „Panama-Preise“ ist hier Code für eine schlaue Investition in günstige Laptops. Natürlich legal.

Screenshot aus einem Newsletter der Firma MCL: Das Marketing bezieht sich in mehreren Kalauern auf das aktuelle Thema. „Panama-Preise“ ist hier Code für eine schlaue Investition in günstige Laptops. Natürlich legal.

„Bei uns brauchen Sie keine Briefkastenfirma, um Ihr Geld sinnvoll zu investieren“, schreibt MCL und nennt seine Rabatt-Angebote „Panama-Preise“. Insidergags generieren Aufmerksamkeit. So liest vielleicht tatsächlich noch mal jemand einen Werbe-Newsletter.


3.) Porno mit Putin


Wir haben mit Erstaunen gelesen, dass die Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier, die bei den Recherchen in den „Panama Papers“ federführend sind, nicht nur ein Jahr lang im Geheimen ein Team aus 400 Reportern koordiniert haben und seit Wochenbeginn täglich lange Dossiers in der «Süddeutschen Zeitung» veröffentlichen, sondern nebenbei auch noch ein Buch zum Thema geschrieben haben. «Panama Papers: Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung» ist seit Mittwoch im Handel.

Als wir am Dienstag auf amazon.de nach dem Titel suchten, fanden wir zuerst den Sex-Schmöker «The Panama Papers: Love Letters from Putin» (siehe Bild ganz oben). Das Kindle-E-Book erzählt die erfundene Geschichte einer Affäre zwischen dem russischen Präsidenten und der Sekretärin von einer seiner Scheinfirmen (n.b.: In Wirklichkeit erscheint Putin nirgends in den „Panama Papers“ als Inhaber einer Briefkastenfirma.)

Im Internet blüht ein Genre von E-Book-Schmonzetten, die real existierenden Personen der Zeitgeschichte erotische Abenteuer andichten. Das hatten wir bereits beiläufig auf Goodreads zur Kenntnis genommen. Spezialisierte Autoren werfen die Exploitation-Romane in kürzester Zeit auf den Download-Markt. Die Nachrichtenlage garantiert zahlreiche Internetsuchen nach den verwursteten Stichworten. Der aktuelle Vorwahlkampf in den USA ist mit seinen Persönlichkeiten ein beliebtes Feld für Sodom-und-Gomorrha-Stories. Und jetzt die „Panama Papers“.

Der anonyme Autor hat «Love Letters from Putin» übrigens am 4. April veröffentlicht – dem Tag, an dem die ersten Enthüllungen über die „Panama Papers“ öffentlich wurden! Die Leseprobe auf Amazon erweckt nicht den Eindruck, als wäre der Roman ein Standardtext, in dem bloß automatisch die Namen ersetzt wurden. Das Buch muss im Rekordtempo zusammengeschustert worden sein. Ohne Fleiß kein Preis.


Challenge: Ich werde «Love Letters from Putin» kaufen, lesen und an dieser Stelle rezensieren, wenn dieser Artikel bis Ende April mindestens dreimal geflattrt wird.

(Flattrn geht so: Unter diesem Artikel findest du Buttons fürs Social Sharing – Facebook, Twitter und so weiter. Der Button ganz links ist von Flattr. Indem du darauf klickst, kannst du mir einen klitzekleinen Geldbetrag zukommen lassen. Wenn du noch keinen Flattr-Account eingerichtet hast, führt dich der Button zu einer Seite, auf der du das erledigen kannst. Typischerweise kannst du einen monatlichen Beitrag von zum Beispiel fünf Euro festlegen, den du mit Flattr auf Blogs verteilst, die dir den Monat über gefallen haben.)

Wenn dieser Artikel bis Ende April 2016 mindestens drei Mal geflattrt wird, schreibe ich eine so fundierte «Love Letters from Putin»-Besprechung, wie mir die verblassende Erinnerung an mein Studium der amerikanischen Literaturwissenschaft erlaubt. Wer mich flattrt, erhält den Link zur Rezension außerdem drei Tage vor der Veröffentlichung! #PanamaPapers FTW!


Auch noch:

  • Auf dem Trittbrett nach Panama 8. April 2016 06:55
    Verschwörungstheorien, Laptop-Rabatte und ein Liebesroman: Die #PanamaPapers werden ausgenutzt um alles Mögliche zu vermarkten. Weiterlesen →
  • Oh, wie spannend ist Panama 4. April 2016 21:39
    Die «Süddeutsche» vermarktet ihre Berichterstattung aus den „Panama Papers“ als Krimi mit Fortsetzung. Die aufwändig produzierte Enthüllungs-Story ist gigantische PR für den Journalismus. Weiterlesen →

Martins verlegte Texte über Digitales:

Friedemann Vogel featured w-s

Digitale Rechte verteidigen

Friedemann Vogel will verstehen, wie sich Kommunikation demokratisch gestalten lässt • Studierende, die Friedemann Vogel kontaktieren wollen, können dem Juniorprofessor für Medienlinguistik selbstverständlich eine E-Mail  schreiben. Aber sie müssen die Nachricht verschlüsseln. Ungewöhnlich? Umständlich? Eine Zumutung? Vogel findet eher erstaunlich, … Weiterlesen

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Sensible Datenträger

Sensible Datenträger

Studierende lernen am Zentrum für Schlüsselqualifikationen, warum sie die Nutzung ihrer Smartphones im Alltag und später im Beruf hinterfragen sollten • „Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sitzen da und staunen Bauklötze, wenn ihnen klar wird, dass sie von Apps, die sie … Weiterlesen

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Interview with Cyrus Farivar

Farivar on Data Protection

martinJost.eu (English), fudder.de (Deutsch) • Martin Jost: How is the fact that security agencies collect and evaluate metadata from practically all electronic communication channels perceived in the US? Cyrus Farivar: I think most (non tech-savvy) people are either unaware or … Weiterlesen

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Social Media @ Universität Freiburg

Das von mir vorbereitete und moderierte Panel beim BarCamp Social Media 2012 trug den Titel »Humor, Satire, Schlagfertigkeit – Wie „unernst“ darf eine seriöse Institution kommunizieren?« Das BarCamp war Teil eines Prozesses, mit dem sich die Universität Freiburg eine Social-Media-Strategie … Weiterlesen

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Liebes Vista!

Das Ende einer Beziehung ist immer schmerzhaft. Dem Entscheider tut es genau so weh wie der Verlassenen. Aber eigentlich haben wir ja beide Schluss gemacht, Windows Vista und ich. • Das Ende der weißen Jahreszeit ist eine Zeit der Veränderungen. … Weiterlesen

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