Nur mit Profis

Der Bildungs- und Coachingmarkt in Deutschland ist in den letzten Jahren explodiert. Für jeden Atemzug im Leben gibt es das passende Seminar. Viele Lernwillige bilden sich dauernd fort. Gelingt Leben nur noch mit Führerschein? Eine neue Dokumentation staunt über die Fülle dieser Seminare: «Leben – Gebrauchsanleitung».
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Trailer «Leben – Gebrauchsanleitung»

«Leben – Gebrauchsanleitung»

BRD 2016
90 min
Deutsch

Buch: Jörg Adolph, Ralf Bücheler
Kamera: Jörg Adolph, Ralf Bücheler
Montage: Anja Pohl, Jörg Adolph


Jörg Adolph und Ralf Bücheler haben einen Film über den Lernmarkt in Deutschland gedreht. Ihre Dokumentation «Leben – Gebrauchsanleitung» zeigt Menschen, die in Kursen etwas einüben. Ehrenamtliche überbringen in Rollenspielen Todesnachrichten, Naturverbundene lernen das Überleben im Wald, Geflüchtete sprechen ihre ersten Worte auf Deutsch, Grundschüler gehen über die Straße, Soldaten sichern ein Haus und Volkshochschüler schreinern ihren Sarg.

«Leben – Gebrauchsanleitung» bezieht sich ausdrücklich auf Harun Farockis Film «Leben – BRD» von 1989/90, der Ralph Bücheler zu einer Art Fortsetzung angestiftet hat. Damals habe Lernen im Erwachsenenalter praktisch nicht stattgefunden. Seither sei der Weiterbildungs- und Coachingmarkt explodiert, sagte Bücheler am Donnerstag bei einer Vorstellung von «Leben – Gebrauchsanleitung» auf dem Dokfest München.

Für alle Nischen und Geschmäcker gibt es etwas zu lernen, lebenslang. Bücheler und Adolph haben in 100 Kursen gefilmt, von denen gut 60 im fertigen Film vorkommen. Aus dem Material haben sie spannende, aufgeladene und vor allem witzige Momente gezogen, in denen die Kamera jeweils am denkbar besten Platz war. Wie als die Teilnehmerin des Sargschreinerkurses «Schwierige Kiste» an der Volkshochschule Augsburger Land den Arm aus dem Sarg streckt, ihr Smartphone in der Hand, und ruft: „Macht mal einer ein Foto?“

Braucht’s das?

«Leben – Gebrauchsanleitung» zeigt Kurse auf einem Themenspektrum von der beruflichen Weiterbildung für Infanteristen bis zur abstrakten Esoterik. Der Film bleibt den Protagonisten gegenüber wertschätzend. Wie ernsthaft die Lernenden dem nachgehen, was sie für sich als hilfreich empfinden, hat die Filmer nach eigener Aussage beeindruckt. Auch wenn die Inhalte mancher Narzissten-Coachings oder Esoterik-Seminare sie befremdeten.

Fragen, die Adolph und Bücheler angesichts von Kursen über Gesprächsführung, Stressmanagement, Trauerbegleitung, Bewerbungsgespräche oder Ernährung aufwerfen, sind: Braucht es das? Müssen wir so viel lernen, was zum Leben eigentlich dazu gehört? Können wir nicht mal atmen, ohne ein Seminar zu machen? Brauchen wir bald für den Stuhlgang einen Führerschein, zum Sterben eine Weiterbildung? Was ist hilfreich, was ist Geldmacherei? Welche Lobby hat uns überzeugt, dass wir nicht genug am Leben lernen, sondern lebenslang auch für das Leben lernen müssen?

Peter Sloterdijk hat mit seiner Anthropotechnik die passende Theorie aufgeschrieben. Dem Philosophen zufolge geben wir inzwischen alles, um uns selbst zu verbessern. Der Mensch sieht sich Sloterdijk zufolge von Geburt an bestenfalls als Rohling, der durch Lernen und – mehr noch – durch Üben zu einem besseren Mensch werden müsse.

„Die ganze Welt ist eine Schule – und alle Menschen bloße Schüler. Wir sind Einwohner einer Schöpfung, in der alles auf Belehrung angelegt ist.“

—Sloterdijk (2009), S. 551.

Sloterdijk unterstellt einen „modernen Konsens“, dass kein Mensch einem anderen etwas voraushabe im Wissen darum, wie zu leben sei. Die Disziplin Leben sei „unter keinen Umständen meisterschaftsfähig“ (Ebd., S. 434).

So groß kann der Konsens auch wieder nicht sein. «Leben – Gebrauchserweisung» erweckt den Eindruck, dass nicht wenige davon leben, andere in der Disziplin Leben zur Meisterschaft zu führen.

Im Übrigen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir in allen Lebenslagen mit Menschen zu tun haben, die gerade das gelernt haben. Ob Waldspaziergang, Entspannen oder Vögel beobachten – wir haben es mit Profis zu tun, wenn nicht gar mit Lehrern. Wir befinden uns in einem Wettrüsten des Lernens. Wenn wir an Zeitgenossen geraten, die uns einen oder zwei Lehrgänge voraus haben, dürfen wir darauf hoffen, dass sie uns nicht über den Tisch ziehen, sondern uns etwas beibringen wollen.


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