Humanismus Unplugged: «Springsteen on Broadway» auf Netflix

Bruce Springsteen beim Rosskilde Festival 2012

Foto: Bill Ebbesen CC BY-SA 3-0 (via Wikipedia)

“I’ve never held an honest job in my entire life. I’ve never done any hard labor. I’ve never worked nine to five. I’ve never worked five days a week until right now. (I don’t like it.)”

Bruce Springsteens Songtexte handeln von Leuten in Flanellhemden, die ehrliche Arbeit machen: In die Fabrik gehen, malochen, abends ein Bier auf, kaum über die Runden kommen, keine Zeit für Sorgen. Der erste Song in «Springsteen on Broadway» heißt »Growin’ Up«. Und ohne mit dem Gitarre spielen aufzuhören, beginnt er zwischendrin zu erzählen:

“I’ve never seen the inside of a factory, and yet, it’s all I’ve ever written about. Standing before you is a man who has become wildly and absurdly successful writing about something of which he has had absolutely no personal experience. I made it all up. That’s how good I am.”

Selbstironisch gibt Springsteen zu, dass er nie selbst harter körperlicher Arbeit nachgegangen ist. Er kennt das Milieu allerdings sehr gut aus seiner Kindheit. Trotzdem hatte er das Privileg, sein ganzes Leben Musik machen zu dürfen und über seinen Vater und Menschen, die ein Leben führten wie seine Eltern, zu singen.

Das Motiv „Ich schreibe und singe von Dingen, ohne sie selbst zu kennen“ wiederholt er in mehreren seiner Geschichten an diesem Abend: Der Roadtrip von der Ost- an die Westküste mit einem Freund. Springsteen war 21 Jahre alt, aber weder hatte er einen Führerschein, noch war er je hinter einem Lenkrad gesessen. Und schrieb schon Songs über sein anderes wiederkehrendes Thema: Fahren, Abhauen, Rasen, Cruisen, Durchbrennen mit schnellen Autos oder auf dem Motorrad.

Springsteen hat zugehört

Arbeit, Armut, Angst, Vietnamkrieg: Springsteen kokettiert damit, dass er (zumindest in seinem Erwachsenenleben) nichts davon selbst erfahren musste. Aber es wird schnell klar: Dafür hat er eben gut beobachtet und genau zugehört. Sein Vater mit dem breiten Kreuz und den Depressionen war ein Teil der Arbeiterklasse, über die er singt. Er hätte genauso gut in Vietnam landen können wie seine Freunde, die zum Teil im Krieg gestorben sind, zum Teil schwer traumatisiert zurück kamen. Und was das Autofahren angeht, dürfte er inzwischen aufgeholt haben und einige tausend Meilen absolviert.

In seiner Unplugged-Show steht Springsteen – bis auf zwei Duette mit seiner Frau Patti Scialfa – allein auf der Bühne eines mittelgroßen Theaters. Er spielt entweder Klavier oder Akustikgitarre und Mundharmonika und singt seine Lieder ein paar Stufen melancholischer als auf den Alben und als bei seinen Stadionkonzerten. Zwischen den Songs erzählt er. Wahrscheinlich erzählt er an diesem Abend mehr, als dass er singt. Die Geschichten aus seinem Leben sind ein starkes Gegengift gegen Zynismus. Immer wieder dirigiert er den Spot, der ihn anstrahlt, auf andere Menschen. Da seien viele Leute, für die wir uns mehr interessieren dürften als für ihn. Wenn er zum Beispiel die Jugendlichen lobt, die beim “March for our Lives” auf die Straße gegangen sind, ist klar: Er hört immer noch zu.


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