Der Woche (5)

Bis vor kurzem hätten wir noch über uns gesagt, dass wir nicht besonders E-Book-gefährdet sind und dann ging es doch ganz schnell und jetzt gehen wir nicht mehr ohne unseren neuen E-Reader aus dem Haus. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir uns vom gedruckten Buch ein für alle Mal verabschiedet hätten. Abgesehen von Büchern, die wir ausdrücklich ihrer Buchigkeit wegen kaufen (Bildbände, Graphic Novels, Comics, Antiquarisches, Bibliophiles …) gibt es für uns vorerst diese eine rote Linie: Wir kaufen keine E-Books mit Kopierschutz. Das schließt viele Titel aus dem englischsprachigen Buchmarkt aus. Dort ist Adobe DRM beinahe die Regel, während die meisten deutschen Bücher kopierschutzfrei sind und nur ein digitales Wasserzeichen enthalten. So veranschaulichen E-Books uns etwas, das natürlich auch schon für Papier-Bücher galt, wovon aber die Alltagsleser*innen unbehelligt blieben: Die Einsicht, dass uns ein Buch nicht ‚gehört‘, nur weil wir ein Exemplar gekauft haben. Wir Bücherkäufer sind Software-Nutzer. Das heißt, wir bezahlen für eine Lizenz, und zwar die Lizenz, den Inhalt des Buches zur Kenntnis zu nehmen und privat zu genießen. Nachdrucken oder einscannen und ins Internet stellen durften wir ein Buch auch früher nicht, aber da wäre auch der Aufwand unverhältnismäßig gewesen. Digitale Bücher würden es uns dagegen leichtmachen, deswegen erschweren sie uns künstlich die unerlaubte Nutzung. Ein E-Book mit Wasserzeichen können wir im Rahmen des Urheberrechts immerhin noch in der Familie weitergeben oder einem Freund leihen. Aber was haben wir denn noch zu verleihen? Die Abwesenheit eines haptischen Buches („Hier, Achtung, ist ganz schön schwer!“) macht die Geste, jemandem ein Buch zu leihen, ganz klein. Das trifft übrigens auf Vieles zu, was man sich heutzutage empfiehlt: Die Trennung von Tipp und Artefakt. Ein Grund mehr, warum wir weiter gedruckte Bücher kaufen werden.


Bild der Woche

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Erstklassiges Sortiment

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Der ultimative One-Stop-Shop.


Tweet der Woche

Diese Vorlage taugt als Muster für alle denkbaren Politiker-Entschuldigungen:


Denkfehler der Woche

Wir haben diese Woche den Begriff “Lump of Labor Fallacy” gelernt. Wörtlich bedeutet es ungefähr „Fehlschluss über den Brocken an Arbeit“. Gemeint ist die verbreitete Annahme, dass die Menge an Arbeit – zum Beispiel in einem Unternehmen – gleich bleibe und dass die Arbeitenden folglich weniger zu tun hätten, wenn die Arbeit immer effizienter erledigt wird, beispielsweise durch Digitalisierung. Für Wirtschaftswissenschaftler ist das ein Fehlschluss, und zwar unter anderem deshalb, weil mehr Arbeitende auch mehr Arbeit verursachen: Sie müssen verwaltet, in Prozesse eingebunden, weitergebildet und angeleitet werden. Wenn zwei Halbzeitkräfte die Arbeit einer Vollzeitkraft übernehmen, bliebe unterm Strich also Arbeit unerledigt, die eine einzelne Vollzeitkraft gar nicht verursacht hätte. Soweit die Annahme der “Lump of Labor Fallacy”.

Das ist aber bloß ein Aspekt im SPIEGEL-Artikel »Die Viertagewoche für alle – Ein Traum« von Benjamin Bidder und Florian Diekmann. Sein Aufhänger: Der DGB sowie Katja Kipping von der Partei „Die Linke“ haben Pläne vorgelegt, die ‚Vollzeit‘-Arbeitswoche um rund einen Arbeitstag zu reduzieren. Durch die Digitalisierung gebe es immer weniger Arbeit für Menschen und die verbleibende Arbeit könne man schon heute gerechter verteilen.

Wir wären dafür! Laut SPIEGEL-Bericht begehen wir aber einen weiteren Denkfehler, wenn wir uns ein ganzes Land – eine Volkswirtschaft – wie ein besonders großes Unternehmen denken, dessen Produktion immer gleich bleibt. „‚Ein Betrieb ist einfach keine gute Analogie, um eine Volkswirtschaft zu verstehen‘, sagt [der Münchner Wirtschaftsprofessor] Börsch-Supan.“ Beispielsweise würde eine Rationalisierung der Arbeit ja auch dazu führen, dass das Produkt erschwinglicher wird und womöglich die Nachfrage steigt, also fließt ganz rasch neue Arbeit nach und füllt die Lücke. Das ist plausibel. Und gleichzeitig erhellend. Wir waren uns gar nicht bewusst, dass wir hier einer Metapher auf den Leim gehen: Die Wirtschaft eines Landes als hochgerechneter Produktionsbetrieb.

Unser Kopf sagt: „Aha.“ Aber unser Herz möchte Tim Wu und den anderen glauben, die uns erklären, dass wir alle schon längst viel weniger arbeiten könnten.


Bloggung der Woche

Es gibt genau zwölf anerkannte Wortspiele rund um das Thema Schnecken. Bevor ihr ein weiteres Schnecken-Wortspiel auf die Vorschlagsliste setzt, schaut bitte hier nach, ob es nicht schon dabei ist in dieser erschöpfenden Sammlung.


Track der Woche

Wir bleiben bei Britpop. Erinnert sich noch jemand an die Band “Athlete”? Sie hatten mindestens einen Hit, »Wires«, und der ging so:


Zitat der Woche

„Unelegant und ohne meine Erlaubnis verging die Zeit.“


Vorschau der Woche

Das nächste „Der Woche“ erscheint am Sonnabend, 5. September 2020.

PS: Habt ihr schon angefangen, den Adventskalender zu basteln, den ihr verschenken wollt?



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