«StarTrek: Discovery» Folge 3×01: Wir warten

Wir fragen uns seit zwei Staffeln: Wann wird «StarTrek: Discovery» einen Ton treffen, der Figuren und Erzählung gerecht wird? Und zwar nicht nur zufällig hier und da, sondern souverän und verlässlich?

Am 16. Oktober 2020 ist die 3. Staffel mit der Folge »That Hope is You, Part 1« auf Netflix gestartet und wenn wir sie als Indiz nehmen dürfen, ist es in Season 3 leider immer noch nicht so weit. Die Episode ist überladen mit Klischees, fremdschämigem Pathos und sperrigen Dialogen à la:

Book: “This is what my planet used to be like until I had to leave it behind.
How much did you leave behind?”

Michael: “Nine hundred and thirty years.”

Book: “Why?”

Michael: “To ensure the future. … A future.”

Book: “Thank you.”

GIF mit einem Zitat aus ST DSC

Commander Michael Burnham kommt nämlich am Ende ihrer Zeitreise (der Cliffhanger im Finale von Staffel 2) fast ein Jahrtausend in der Zukunft an. Bei ihrem Glück entlässt sie das Wurmloch in einem Universum, das praktisch zu 100 Prozent aus Vakuum besteht, ausgerechnet in einer besonders lebhaften Ecke. In ihrem Raumanzug rempelt Burnham prompt ein Raumschiff an, das überdies in eine Schießerei verwickelt ist, worauf das unbekannte Schiff und sie auf einem bewohnten Planeten bruchlanden.

Der Unfallgegner entpuppt sich als Raumpirat vom Schlage Han Solos. Er ist eher der bindungsscheue Typ. Ein paar Mal hintergeht er Michael, kassiert dafür aber jedes Mal Schläge. Irgendwann prügelt sie ihm auch noch seinen Namen aus dem Leib – er heißt Book. Die Flucht vor gemeinsamen Gegnern schweißt die beiden zusammen und es stellt sich heraus, dass sich unter Books harter Schale ein übertrieben anständiger Kerl verbirgt.

Zeitreisende unter Zeitdruck

Die Folge ist randvoll gepackt mit Action. Das meinen wir nicht als Kompliment. Wenn man uns fragt, dann ist das, was «StarTrek: Discovery» am meisten abgeht, Zeit – Zeit, um dramatische Wendungen in Szenen mit gegensätzlichen Stimmungen einzubetten; Zeit, um in die Köpfe der Figuren zu schauen und mit ihnen vertraut zu werden; Zeit, um dahinter zu kommen, worum es eigentlich geht.

Gleichermaßen vollgestopft ist »That Hope is You, Part 1« mit großen Themen:

Was sind die Ideale der Föderation? In den Dienst welcher Werte wollen wir unser Leben stellen? Wie wichtig ist es, für die Idee der Vereinten Föderation der Planeten zu kämpfen, wenn man allein ist und unmittelbare, existentielle Probleme hat?

Michael Burnham landet einsam in einer 930 Jahre entfernten Zukunft. Sie hat im wahrsten Sinne des Wortes nur das bei sich, was sie am Leibe trägt. Ihr wichtigstes Gadget, den Superman-Raumanzug, schießt sie gleich mal in ein Wurmloch. Michael hatte sich darauf verlassen, dass die Discovery und ihre Crew direkt hinter ihr sind. Erst mal sieht es aber danach aus, als sei sie mittellos und ohne Freunde in einer ziemlich rauen Zukunft auf einem kargen Planeten gelandet. Was sie dabei nie anzweifelt: Dass sie die Föderation vertritt und es irgendwo noch Gleichgesinnte geben muss.

Was ist unsere Zivilisation wert, wenn sie nicht einmal eine galaktische Naturkatastrophe überlebt? Durch ein Ereignis, das in der Zukunft gut 100 Jahre her ist und das Book “The Burn” nennt, sind beinahe alle Dilithium-Kristalle in der Galaxis zu Brösel zerfallen. Und Dilithium ist in «StarTrek» die Substanz, die fast alle Science-Fiction-Technologie überhaupt möglich macht. Natürlich kann Dilithium nicht künstlich hergestellt werden.

Reisen mit Warp-Geschwindigkeit sind ein teurer Luxus geworden, genau wie andere Technologien, die auf utopische Energiequellen angewiesen sind: Langstreckenkommunikation, Langstreckensensoren, Subraumkommunikation, Relaisstationen und die galaktische Infrastruktur, die die Föderation einmal zusammenhielt. Die Galaxis ist wieder kleiner geworden. Michael will nicht wahrhaben, dass mit der Verfügbarkeit von Dilithium all das steht und fällt: Die Föderation sei mehr als eine Funktion von Technologie, sagt sie einmal. Die Wirklichkeit scheint das anders zu sehen.

Ideale schützen nicht vor Einsamkeit. Book ist womöglich eher misstrauisch als ein Menschenfeind. Trotzdem führt er einen idealistischen Guerilla-Krieg gegen kapitalistische Umweltzerstörer und zynische Gangster, also gegen das komplette Universum. Die Zeitreisende Burnham strandet in der Zukunft und kennt erst mal niemanden. Die Leute hier sind eher spröde.

Und dann lernen wir Aditya Sahil kennen. Er wurde uns im Prolog der Episode als einsamer Bürokrat vorgestellt, der ein sehr futuristisches Mansardenzimmer auf einer Raumstation bewohnt. Man lässt uns bis zum Schluss im Dunkeln darüber, wer der Mann im grauen Anzug ist, der jeden Morgen aufsteht, Zähne putzt und dann an seinem Schreibtisch einen Scan laufen lässt. Keine Frage, dass er einsam ist. Nur die Routine hält seine Tage zusammen. Und obwohl er Tag für Tag auf ein großes Stück Weltraum starrt, findet er nicht, was er sucht.

Kaum auszuhalten

Sahil ist der Enkel und der Sohn von Sternenflottenoffizieren. Er hätte die Familientradition gern aufrecht erhalten, aber es gibt ja keine Sternenflotte mehr. Er sieht sich als ihren Statthalter auf dieser Ruine einer Raumstation. Seit 40 Jahren versieht er einsam seinen Dienst: Aufstehen, Zähne putzen, scannen.

Eine der ersten Folgen aus Season 1 von «StarTrek: The Next Generation» (1987) war »The Last Outpost«. Hier trifft die Enterprise-D auf einen virtuellen Wächter eines Planeten, der nicht weiß, dass sein eigenes Sternenimperium vor Jahrtausenden untergegangen ist. In der Zukunft, in die Michael Burnham gereist ist, ist die Föderation das untergegangene Imperium und Sahil ihr lebendes Relikt. Um nicht zu sagen, der letzte Jedi.

Sahil hätte so gern die Flagge der Föderation in seinem Büro aufgehängt, aber nur jemand mit Offizierspatent darf sie hissen. Michael tut ihm diesen Gefallen. Und mehr noch: Weil bei der Zeremonie unbedingt ein Kommunikationsoffizier zugegen sein muss, befördert sie Sahil auf der Stelle.

Sahil ist natürlich eine Metapher für alle Nerds und StarTrek-Fans, die – sagen wir mal – vor dem Jahr 2000 aufgewachsen sind, also ohne Internet und ohne DVDs. Und in dem Glauben, dass sie den einzigen Außenposten der Sternenflotte in einem Umkreis von 600 Lichtjahren bemannen.

Nun hat «Discovery» aber leider kein Händchen für Selbstironie oder Zwischentöne. Es trieft alles entsetzlich vor Pathos und Sentimentalität. Unter dem Anschwellen der Fanfaren wird viel geschluckt, Burnham und Sahil müssen Tränen zurückhalten, ihre Stimmen brechen ein ums andere Mal, sie machen Bedeutungspausen und schütteln sich im Gegenlicht der Sterne die Hände. Das ist kaum auszuhalten.

Die Autor*innen machen Anstalten, dieses Pathos ironisch zu brechen, aber davon wird alles schlimmer. Da wäre Burnhams Drogentrip, der sie mitten in einer Schießerei unter Lachflashs plappern lässt. Oder Molly, der Transworm, der Michael gründlich einspeichelt, aber wieder ausspuckt. Die Summe aus Pathos und ungelenken Brüchen ist leider lächerlich.

Geld wäre da

Die Produktionswerte, die auch im Auftakt zur dritten Staffel sichtbar werden, sind gigantisch. Es ist nicht übertrieben, dass Ausstattung, Sets und Effekte auf Kino-Niveau sind. Die Szenen auf dem Planeten Hima wurden in Island gedreht.

In «Discovery» stecken Unsummen an Geld, Talent und auch der Wille, zur erzählerischen Avantgarde zu gehören. Leider ist der Plot irgendwie dissoziiert von nachvollziehbaren Entwicklungen. Season 3 ist von Anfang an überdreht, noch immer haben die Figuren keine Zeit zum Atmen, und die Kitsch-Sicherung ist mit einem lauten Plopp durchgebrannt.

Ein Klischee besagt, dass StarTrek-Serien ungefähr mit der dritten Staffel erst richtig gut werden. Bis dahin rütteln sie sich ein. Den Autor*innen wird langsam klar, welche Art von Geschichten sie erzählen wollen, sie sind mit den Figuren vertraut geworden und sie finden den Rhythmus und den Ton, in dem wir uns zu Hause fühlen. Früher hatten StarTrek-Staffeln allerdings doppelt so viele Folgen wie im Streaming-Zeitalter. So gesehen ist «Discovery» noch gut 20 Folgen davon entfernt, zu sich selbst zu finden.

Wir wollen nicht gönnerhaft klingen, wir identifizieren uns bloß mit Aditya Sahil. Sein grenzenloser Optimismus inspiriert uns dazu, loyal zu bleiben und an den Tag zu glauben, an dem «StarTrek: Discovery» zu ihrer Stärke findet und die Föderation wieder unser Zuhause wird.

Martin Starfleet-T-Shirt
Der Autor auf seinem Außenposten.

“… As I have for 40 years, believing one day others like me would walk through that door. That my hope was not in vain.” [Bekommt glasige Augen.] “Today is that day. And that hope is you, Commander Burnham.”


Bewertung: 2 von 5.

StarTrek: Discovery
Season 3, Episode 1, “That Hope is You, Part 1“
2020

Buch: Michelle Paradise, Jenny Lumet, Alex Kurtzman
Regie: Olatunde Osunsanmi

Als Stream auf Netflix.

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