Ein Hoch auf unseren Lokführer, Lokführer, Lokführer

Klassenkampf auf der Schiene

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Unser Zug ist laut Bahn-Sprachregelung noch nicht verspätet, aber eben auch nicht mehr pünktlich. In der Minute, in der er eigentlich abfahren sollte, schiebt sich stattdessen ein Güterzug ans Gleis. Bremst und hält, als sollten wir in eins der Autos einsteigen, die er geladen hat. Allesamt funkelnde Oberklassewagen aus Stuttgart, die Sitze noch in Plaste eingepackt. Bevor unser Zug kurze Zeit später am Gleis gegenüber eintrifft, hat der Autogüterzug sich schon wieder in Bewegung gesetzt.

Ungeschickt, denken wir als erfahrener Pendler und einer von 80 Milionen Fahrdienstleitern in Deutschland: Hätte doch gleich hier warten können, bis wir vorbei sind, dann braucht er später nicht extra rechts ranfahren. In der Logik der Bahn-Dispo haben Personenzüge grundsätzlich Vorrang vor Güterzügen. Darum hangeln sich Güterzüge normalerweise von Überholstelle zu Überholstelle und stehen scheinbar mehr auf Ausweichgleisen herum als dass sie rollen. Wir gehen davon aus, dass wir den Frachter gleich wieder überholen werden.

Es stellt sich heraus: Der Auto-Güterzug denkt überhaupt nicht daran, für uns rechts ranzufahren.

Eine neue Spezies

„Liebe Fahrgäste, ich erzähle Ihnen jetzt mal einen Witz“, beginnt der Lokführer seine Durchsage, „oder nennen wir es Bahn-Logik: Wir werden Rosenheim heute mit Verspätung erreichen, weil sich vor uns ein Express-Güterzug auf der Strecke befindet.“ 

Der Lokführer ist genau wie wir, er hat seine Freude an einem guten Paradoxon. Erfahrene Bahnfahrer sind mit dem Pleonasmus „langsam vorausfahrender Güterzug“ vertraut, aber ein Express-Güterzug? „Express“ klingt irgendwie schnell, aber wie schnell kann ein Güterzug schon sein? Es ist nicht die Schuld vom „Express“, dass wir das Wort im Alltag falsch benutzen. Es bedeutet ja nicht, dass etwas unbedingt schnell fährt, sondern zunächst nur, dass etwas nicht so oft anhält. 

Zum Beispiel die neu entdeckte Spezies des Expressgüterzuges, der – aus sicherlich guten Gründen – keinem anderen Zug Platz machen muss. Was mag das bloß für ein Zug sein, der am besten andauernd in Bewegung bleibt? Ein Castor-Transport? Dringend benötigte Nudeln und Rapsöl für den Hofer in Salzburg? Oder teure Waren, die bei einem Halt auf offener Strecke Gefahr laufen, vandalisiert oder geplündert zu werden?

Berufspendler aller Länder, vereinigt euch

Wir haben den Zug ja selbst gesehen, der uns nun ausbremst: Die Fracht aus Luxusautos wird wohl händeringend erwartet im Süden.

„Liebe Fahrgäste“, meldet sich der Lokführer wieder, diesmal mit etwas Bitternis in der Stimme. „Wir haben noch immer diesen heiligen Güterzug vor uns, weswegen wir statt 160 nur rund 120 fahren können, teilweise noch weniger.“ Sein Sarkasmus verrät ihn als jemand, der heute am liebsten einfach seine Arbeit gut gemacht hätte und nun durch pure Ungerechtigkeit einen verspäteten Zug Richtung Salzburg steuert. „Nur, damit Sie wissen, bei wem Sie sich beschweren dürfen: Die Fahrdienstleitung der Deutschen Bahn hat uns diesen Zug vor die Nase gesetzt, an dem wir frühestens in Rosenheim vorbei kommen. Also bitte nicht bei uns beschweren!“

An den Gesichtern seines Publikums können wir ablesen, dass viele von ihnen die Bedeutung der Durchsage nicht richtig verarbeiten können. Ihnen ist das Konzept von Konkurrenz auf der Schiene völlig fremd. Sie haben gar nicht realisiert, dass sie gerade in einem Wagen einer DB-Konkurrentin sitzen, die sich grundsätzlich schlecht behandelt fühlt durch den Konzern, der seinerseits ein Monopol auf Schienen und auf die Disposition aller darauf fahrenden Züge besitzt.

Die Lautsprecher knacken: neue Durchsage. Die Stimme gepresst vor Wut. „Falls es Sie interessiert, ich habe etwas Neues herausgefunden“, sagt der Lokführer. „Ich habe mal bei der Fahrdienstleitung angerufen um herauszufinden, was es mit so einem Expressgüterzug auf sich hat.“ 

Man will die Zeit ja schließlich nutzen, wenn man so mit 120 dahindümpelt.

„Stellt sich raus: Wenn Sie genug Geld bezahlen, wird Ihr Güterzug einfach ein Express. Dann muss Ihr Zug für niemanden mehr anhalten – bloß, weil Sie mehr Geld hinlegen als die anderen! Hoch lebe der Kapitalismus!“ (*bremst*).


Diese Glosse schildert in geraffter Form Begebenheiten von zwei Tagen im Mai 2022.


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