«Hamlet» Off Freiburg

Frank Müller

Markus Schlüter als Hamlet • Pressefoto © Frank Müller/tisento.de

Hamlet zögert nicht

Freiburg, 29. November 2013 • Wir sitzen gemeinsam an einer königlichen Tafel. Am einen Ende knutschen der neue König und seine Königin, am anderen schmollt der depressive Hamlet. Als ihm Hochzeitstorte aufgedrängt wird, schlurft er in Pantoffeln und Pyjama über die ganze Länge des Tisches und holt sich sein Stück ab. Ophelia, Polonius, Horatio und Laertes sind auch da, Schulter an Schulter mit dem Publikum.

Nachtkritik

Dieser Artikel erschien am 29. November 2013 auf nachtkritik.de. Dort findest du auch eine Kritikenrundschau.


Das Freiburger Ensemble „Immoralisten“ spielt im dritten Jahr in seiner eigenen Spielstätte, einem alten Industrieschuppen. Die Aufsehen erregenden Raumkonzepte mögen mal die Lösung für das Platzproblem gewesen sein, aber inzwischen sind sie das Markenzeichen von Manuel Kreitmeiers Inszenierungen und versuchen spielerisch, die Begrenzungen der „Vierten Wand“ aufzuheben. Die Zuschauer sitzen an den Längsseiten der Familientafel, erleben in direkter Nähe, wie im Staate Dänemark eine Familie auseinander bricht und sich die Streitenden über Tische hinweg anschreien – betreten schauen wir Gäste auf das Tischtuch aus rotem Samt, das auf unseren Schoß fällt.

Tändeln via Whatsapp

Gespielt wird am oder auf dem Tisch. Er ist sparsam gedeckt. Requisiten lassen sich an einer Hand abzählen: Ein Reclam-Heft, ein Kasten Flensburger. Die Urne mit der Asche des ermordeten Königs wird später der Kelch, aus dem Gertrude das eigentlich für Hamlet bestimmte Gift trinkt. Die Sahne der Hochzeitstorte ist zugleich die Schminke, mit der sich Florian Wetter von König Claudius in den Geist seines ermordeten Bruders verwandelt. Die Plastegabeln dienen später beim Duell als Säbel.

Und dann hat jede Figur auch ein Smartphone in der Hand. Hamlet und Ophelia tändeln über Whatsapp. Alle Depeschen und Briefe werden vom Display abgelesen. Das funktioniert ausgezeichnet, wieder das Gefühl: Das muss so sein. Ein anderer Running Gag wird ein paar Mal zu oft benutzt: Nicht nur hat jeder, der stirbt, als letztes Wort „Ficken!“ auf den Lippen, es wird auch grundsätzlich „Ficken!“ geflucht, wenn irgend etwas misslingt.

Von der Trauer zum Ausraster

Kreitmeiers Bühnenfassung ist stark gerafft. Gut die Hälfte wurde weggelassen, aber die übrig gebliebenen zwei Stunden sind essentiell genug, dass auch Neben-Handlungsstränge wie die Liebe zwischen Hamlet und Ophelia keine bloße Behauptung bleibt, sondern sich sichtbar entwickelt. Gekürzt wurde vor allem Hamlets Zögern: Er ist weniger ein entscheidungsschwacher Rächer als ein Amokläufer, der langsam vom Trauernden zum Ausrastenden wird. Zwar behält er den ganzen Abend über seinen Pyjama an, aber bald schnallt er sich ein Schulter-Halfter darüber und fuchtelt mit einem Revolver.

Kreitmeier zeigt ihn bewusst anders als einen verkopften Zauderer. Eben als Planlosen, der aber von seinem Ziel nicht ablässt. Die wesentliche Szene ist die, in der Hamlet den neuen König Claudius belauscht, nachdem er ihn mit dem Schauspiel geängstigt hat. Claudius gesteht in einem Selbstgespräch den Mord, aber er versucht auch zu beten und das hält Hamlet ab. Markus Schlüter spielt ihn weniger als einen, der sich keinen Ruck geben könnte, sondern er kann sich fast nicht beherrschen. In der Szene mit einer Videosequenz wird Claudius – Florin Wetter gibt ihn in einem pimpigen Leopardenpelz – an die Wand projiziert und Hamlet wirft einen Schatten in das Bild, der ein paar Mal auf den Vatermörder anlegt und sich selbst gerade noch zum Einhalt zwingt.

Deformation am Hof

Um sich in Rosenkranz und Güldenstern zu verwandeln, nehmen Uwe Gilot und Jochen Kruß ihre Laertes- bzw. Horatio-Perücke ab und zum Vorschein kommt ein kahler Schädel mit jeweils einer dicken Lobotomie-Narbe. Die Kindheitsfreunde Hamlets sprechen wie Roboter und geben elektrische Schläge ab, wenn Hamlet sie anfasst. Schließlich lassen die Hirnlosen ihn in die offene Zwangsjacke laufen, um ihn auf Claudius‘ Geheiß nach England und aus dem Leben zu führen.

Wieder befreit, kommt Hamlet an den Hof zurück und ist jetzt nicht nur durchnässt, sondern richtig sauer. Seine Raserei findet ihren Gegenpol in Laertes, der seinen Vater und bald darauf seine Schwester zu betrauern hat. Von da an treibt die Inszenierung schnell voran. Auf Ophelias Begräbnis wird Christina Beer komplett in das samtene Tischtuch eingerollt und ins Grab hinab gelassen, das sich in der Mitte der Tafel auftut. Nachdem sich auf der Tischplatte alle umgebracht haben („Der Rest ist … Ficken!“), verpasst sie die Hälfte des Schlussapplauses, während sie sich mit Hilfe einiger Zuschauer wieder aus dem Leichentuch windet. Der Beifall ist lang, das Stück war gefühlt kurz, und Hamlet hat man als potentiellen Amokläufer erlebt.


«Hamlet»

von William Shakespeare, Deutsch von August Wilhelm Schlegel, Bühnenfassung von Manuel Kreitmeier
Regie/Bühne: Manuel Kreitmeier.
Mit: Florian Wetter, Anna Tomicsek, Markus Schlüter, Uwe Gilot, Uli Winterhager, Jochen Kruß, Christina Beer.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause.

www.immoralisten.de


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