Sachliche Streitschrift

Der Justizvollzugs-Reformer Bernd Maelicke wirbt in «Das Knast-Dilemma» für moderne Resozialisierung
.

Von Martin Jost

Bernd Maelicke:
Das Knast-Dilemma. Wegsperren oder resozialisieren? Eine Streitschrift.

C. Bertelsmann, München, 2015.
256 Seiten, 19,99 EUR.


Der deutsche Strafvollzug ist wider besseres Wissen nicht so wirkungsvoll, wie er sein könnte. Das behauptet Prof. Dr. Bernd Maelicke, der sich seit mehr als 50 Jahren „ehrenamtlich, hauptamtlich, wissenschaftlich und politisch“ mit Kriminal- und Sozialpolitik beschäftigt.

Mit dem als „Streitschrift“ untertitelten Buch «Das Knast-Dilemma» möchte er eine Zwischenbilanz ziehen, die einem breiten Publikum aufzeigt, wie ein rationaler Umgang mit Kriminalität aussehen kann.

Die Forderung, Straftäterinnen und Straftäter schneller oder länger wegzusperren, bezeichnet der Jurist als irrational. Dahinter stecke ein populistischer Reflex. Meist würde sie von Politikerinnen und Politikern im Wahlkampf vorgebracht, um die Angst der Bevölkerung vor Kriminalität auszuschlachten. Wegsperren, unterstreicht Maelicke, sei  aber keine Dauerlösung. Und die Vorstellung, dass Kriminelle durch die Haft geläutert würden und sich nach dem Vollzug reibungslos wieder in die Gesellschaft integrierten, grenze an magisches Denken.

Für den Experten sind Gefängnisse von einer gewalttätigen Subkultur geprägte „Schulen des Verbrechens“. Die Resozialisierung hingegen, die auf das Leben nach der Entlassung vorbereiten soll, komme in der Regel zu kurz. Vielen Gefangenen wäre Maelicke zufolge mit einer Verurteilung zu gemeinnütziger Arbeit besser geholfen – und alle Straffälligen würden von mehr Personal für Sozialarbeit und Bewährungshilfe profitieren. Gegen den Vorwurf, zu gnädig mit Verbrecherinnen und Verbrechern umzugehen, ist Maelicke gewappnet. Er belegt mit Studien, dass ein modernes Resozialisierungssystem eine viel bessere Investition in den Schutz vor Kriminalität ist als der herkömmliche „Drehtürvollzug“, der seit Jahrzehnten hohe Rückfallquoten nach sich zieht.

Auf Holz

Dieser Text erschien zuerst in «uni’leben. Die Zeitung der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg» Nr. 04/2015.


Maelicke, der in Freiburg Jura studierte, ist Gründungsdirektor des Deutschen Instituts für Sozialwirtschaft. Von 1990 bis 2005 gestaltete er als Ministerialdirigent im Justizministerium Schleswig-Holstein die Justizpolitik nach wissenschaftlichen Erkenntnissen mit. Dieser „Modellversuch“ auf Landesebene habe seine Thesen zur Resozialisierung bestätigt, wie er in «Das Knast-Dilemma» erläutert.

Als Wissenschaftler, der seine Forschungsergebnisse unter realpolitischen Bedingungen erproben konnte, ist er empört über die Trägheit, mit der sich der Strafvollzug entwickelt. In seinem Buch bleibt er aber ganz der geduldige Reformer. Für eine so genannte Streitschrift schreibt er bemerkenswert sachlich und verzichtet auf Polemik.

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