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Übern Wintern

Das «Infinite Jest»-Logbuch (3)

Mit Exkursen zu «Wonder Boys», Postmoderne und «Frühlings Erwachen»

0027<|>1052. Kapitel 2. Nacht dunkel; plötzliche Kühle; Schwache Böen und Regenschauer; übrige Weinseligkeit.

Was ich mal

Was ich mal wissen möchte: Woher kommt die Fixation auf das Motiv Wolken in den ganzen englischen Publikationen von und um «Infinite Jest?»

Ein Drogensüchtiger richtet sich zu Hause für Tage langen Rausch ein. Er hat an alles gedacht (das macht die Erfahrung). Alles, was noch fehlt, ist die Dealerin. Weiterlesen

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Martin kuckt »Cruel Intentions«

Martin Josts Kulturkonsum

Freiburg. (mjeu/majo)• »Cruel Intentions« ist eine Übertragung der Romanvorlage »Les liaisons dangereuses« (»Gefährliche Liebschaften«) in die Gegenwart. Auf Deutsch heißt er »Eiskalte Engel«, was dämlich ist. Aber der Film ist sehr cool. Der Soundtrack mit Musik von Placebo, Fatboy Slim, Blur, Counting Crows, Skunk Anansie, Aimee Mann, Faithless und Andrew Oldham Orchestra lässt allein beim Hören einen coolen Film im Kopf ablaufen.

»Cruel Intentions« ist das Erstlingswerk seines Drehbuchautors und Regisseurs Roger Kumble und 1999 waren Sarah Michelle Gellar, Ryan Phillippe und Reese Witherspoon auch noch junge Schauspieler. Sie spielen reiche New Yorker Teenager, die sich durch sexgetriebene Intrigen Ruf und Stimmung kaputt machen. Gellar und Phillippe spielen die Stiefgeschwister Catherine Merteuil und Sebastian Valmont (die Namen sind aus der Romanvorlage erhalten geblieben), die sich verschwören und gegenseitig beim Zerstören von Persönlichkeiten zur Hand gehen. Motor des Films ist eine Wette zwischen den beiden angeheirateten Geschwistern, deren Eltern im Film überhaupt keine Rolle spielen: Wenn Valmont die Tochter des neuen Internatsdirektors rumkriegt, die in einer Art »Bravo Girl« Keuschheit bis zur großen Liebe gelobt hat, darf er mit seiner Stiefschwester Merteuil schlafen. Im anderen Fall bekommt sie sein Auto. Am Ende stellt sich heraus, dass Merteuil die Stärkere ist, was intrigante Gewalt angeht. Valmont ist dafür moralischer Sieger, auch wenn er drauf geht und ihm das nicht mehr viel nützt.

Zum ersten Mal gesehen habe ich »Cruel Intentions« 2001, in einem Klassenfahrt-Bus. Im gleichen Sommer habe ich Pierre Ambroise François Choderlos de Laclos’ »Liaisons dangereuses« gelesen und sehr gemocht. Es war, glaube ich, der erste Briefroman, den ich gelesen habe und ich mochte diese Form. Positiv fand ich noch die subtile Gesellschaftskritik, derzufolge die reichsten Menschen gleichzeitig die schmutzigsten Schweine sind. Sie spielen miteinander, als wären sie sich nichts wert – ein Thema vieler guter Bücher und Filme, »Basic Instinct« beispielsweise.

Ich wollte »Cruel Intentions« schon lange mal wieder sehen. Im Fernsehen habe ich es mal versucht, aber da wird er – zumindest zur Prime Time – brutal zerschnitten. Nicht, weil es auch nur eine einzige Nacktszene gäbe, aber wegen der expliziten Sprache. Ein Beispiel ist die Szene, in der Catherine Sebastian die Wette unterbreitet. Sie bietet ihm an, dass er endlich mit ihr schlafen kann – in ihrer arroganten Einbildung der einzige unerreichbare und sein größter Wunsch – und er sagt nein: So viel ist sein historischer Jaguar Roadster nicht wert. Schnitt: Valmont, wie er der Kamera entgegen läuft. In seinem Rücken sitzt Merteuil auf ihrem Bett. Sie sagt: „You can put it wherever you want.“ Er stockt und denkt noch einmal darüber nach, bevor er sich umdreht und ihr die Hand auf die Wette gibt. In der TV-Ausstrahlung, die ich mal auf Pro7 zu sehen versucht habe, fehlt ihr Spruch. Er sagt ebenfalls nein zur Wette, läuft weg und stockt unvermittelt. Ohne erkennbare Motivation macht er kehrt und willigt doch ein. Bescheuert.

»Cruel Intentions« hat zehn Jahren standgehalten, finde ich. Er hat eine klare und leicht lesbare, aber ausgefeilte Bildsprache. Alle Einstellungen begünstigen, dass man der komplexen Story folgen kann und die dynamische Stimmung der Handlung gleichzeitig nicht holpert. Die Schauspieler scheinen zu Hause zu sein in ihren boshaften Rollen und bringen pointiert ihre krassen Sprüche.

Die größte Schwäche des Films ist das Finale. Nicht das absolute Ende mit der Genugtuung gegen Catherine, sondern das Finale auf der Straße neben dem Central Park. Es versucht, die Ereignisse am Ende vom Buch eins zu eins auf den Handlungsort New York City zu übertragen und dabei muss ja noch Valmont irgendwie unnötig sterben. Schlecht, schlecht, schlecht. Hier ist ein Hollywoodfilm, dem ein Happy End besser getan hätte als sein tatsächliches.

Mir fallen Filme ein, die gut zu »Cruel Intentions« passen, vielleicht unter dem Label eines »Hormonal Turn of the Millennium«-Kanons: Baz Luhrmans »Romeo + Juliet« ist von ähnlichem visuellen Typ, »Igby goes down« hat den gleichen Blickwinkel auf New York City und seine zynische Upper Class (und in beiden spielt Claire Danes mit) und »Basic Instinct« (okay, der ist schon aus den frühen Neunzigern) zeichnet gleich gut böse Menschen, die einander als Marionetten einzuspannen versuchen.

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Martin hört »150 Essential Classical Moments«

Martin Josts Kulturkonsum (4)

Billig-MP3s: Bitrate hui, Klang pfui.

Luxembourg. (mjeu/majo)• Der Multi-Media-Händler Amazon Media EU verkauft auf seiner Seite amazon.de jetzt auch Musik im MP3-Format. Die Software hat noch Kinderkrankheiten, aber der Service ist schnell.

Mit diesem Jahr hat Apple in seinem iTunes Music Store die Trennung zwischen normaler Musik und »iTunes Plus«-Songs aufgehoben. Alle bei iTunes gekaufte Musik ist nun mit 256 Kilobit pro Sekunde (kB/s) und damit in höherer Auflösung als Audio-CDs konvertiert und besitzt keine digitale Rechte-Verschlüsselung (Digital Rights Management; DRM) mehr; das heißt, man kann jeden online gekauften Song unbegrenzt kopieren, brennen oder per E-Mail verschicken. Seit nun amazon.de auch herunterladbare Musik anbietet, sind die dort erhältlichen MP3-Dateien ebenfalls DRM-frei und mit 256 kB/s gesamplet.

Amazon bietet einem an, gekaufte Dateien entweder manuell einzeln herunterzuladen oder das Programm amazon MP3-Downloader zu installieren, das die Titel im Hintergrund erwirbt – und automatisch in die Datenbanken von wahlweise iTunes oder Windows Media Player einfügt. Das funktioniert unter idealen Bedingungen sehr gut. Ich habe aber bei meinem letzten Kauf nicht alle Titel an einem Tag heruntergeladen, sondern viele Stunden später wieder eine Internetverbindung hergestellt und den Downloader gestartet. Das wäre an sich kein Problem gewesen. Aber dazwischen habe ich durch die Software CCleaner meine Festplatte unter anderem von Cookies reinigen lassen – und der Downloader benutzt Cookies um zu erkennen, für welche Titel der Kunde bezahlt hat und folglich herunter laden darf. Seitdem bin ich ständig mit dem Amazon-Kundendienst in Kontakt.

Ich kann mich nicht beschweren. Meine E-Mail ist innerhalb von Minuten mit Tipps zur Behebung des Problems beantwortet worden. Spätabends am Osterwochenende. Wenn man das Problem nicht per Mail-Kontakt gelöst bekommt und es nicht gerade nachts oder feiertags ist, kann man sich vom Kundendienst auf einer beliebigen Telefonnummer zurückrufen lassen. Krass.

Leider musste ich nach der erneuten Freischaltung der durch mich gekauften Titel dazu übergehen, alle noch nicht erhaltenen Musikstücke von Hand herunter zu laden. Das ist langweilig, wenn man ausgerechnet ein Album namens »150 Essential Classical Moments« gekauft hat.

Die Cookies zu löschen war natürlich mein eigener Fehler – aber es wäre schön, wenn zukünftige Versionen der Software von selbst den Überblick behalten könnten, welche Lieder einem noch zustehen und sie en bloc saugen könnte. iTunes tut das bereits.

Vermutlich weil das Angebot neu ist, gewinnt das Amazon-MP3-Angebot noch mit Dumpingpreisen für Musik gegen das iTunes Store: Die Filmmusik zu »Slumdog Millionaire«, ein aktuelles Album, gibt es bei Amazon für unter fünf Euro, während es bei iTunes rund das Doppelte kostet.

Auch für vier Euro Paar-und-neunzig waren »150 Essential Classical Moments« zu haben. Ein Schnäppchen für so viel Musik, dachte ich. Es war dann aber trotzdem zu teuer. Dass man bei klassischer Musik so viel falsch machen kann, hatte ich mir nicht ausgemalt.

Für das miese Angebot kann Amazon nichts – das Album gab es schon davor auch auf iTunes. Aber jetzt sitze ich auf 150 klassischen Stücken und ärgere mich, dass so schlechte Musik überhaupt angeboten wird. Freier Markt, ja ich weiß, und ich hätte mir ja denken können, dass es bei dem Preis nicht viel her machen wird.

Die 256 kB sind hier reine Verschwendung, weil die Musik schon von profanem Rauschen gestört wird. Dazu klingt sie blechern und leiernd wie eine Schallplatte, die sich zu langsam dreht. Und schlecht abgemischt ist sie auch.

Nehmen wir als Beispiel mal Pachelbels »Kanon«: Ein Stück, das eigentlich auch ein Vom-Stuhl-Reißer ist, wenn kleine Musikschüler es in der Fußgängerzone aufführen. In der Version auf »150 Essential Classical Moments« rauscht und leiert es aber wie gesagt. Dazu verpisst sich die Bassline der Celli nach ihrem Intro in den Hintergrund und bleibt so gut wie verschwunden. Die anderen Streicher quietschen im Vordergrund weiter, aber erlauben sich keine Luft zwischen den Tönen, zuallerletzt Schnörkel oder eine Stimme. Sie leiern pflichtschuldig ihre Töne einen nach dem anderen herunter, als würden sie lustlos ein Gedicht rezitieren, von dem sie nicht wüssten, wovon es handelt. Und im Tempo, muss ich sagen, hocken sie zwischen allen Stühlen.

Alle Händel-Stücke sind vom London Philharmonic Orchestra eingespielt; die anderen Orchester sind etwas obskurer: Classical Renaissance Symphony, London Festival Orchestra und St. Martin’s Symphony of Los Angeles.

• PS: Der Vollständigkeit halber wollte ich zum Album »150 Essential Classical Moments« verlinken. Es ist aber auf amazon.de plötzlich nicht mehr zu finden.

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