Schlagwort-Archive: Regisseur

Wenn ich beim Theater wäre …

… würde ich gern mal inszenieren:

  1. Shakespeares Hamlet in einer Unistadt, das Bühnenbild eine Studenten-WG. Während der Titelheld, allein in der Küche, in seinem berühmten Selbstgespräch „Sein oder nicht sein …“ in sich zu gehen versucht, wird er beständig von einem Mitbewohner unterbrochen, der polternd zuerst nach Rotwein und dann nach einem Korkenzieher fahndet und dann ein randvolles Glas und zwei Flaschen trägt und die Tür nicht von alleine auf bekommt.
  2. Handkes Weissagung. Das Personal auf der Bühne rezitiert selbst nichts, sondern zwingt das Publikum, den Text mit verteilten Rollen zu lesen. In etwa wie in der Schule: Jeder einen Absatz und dann ist der Nebenmann dran.
  3. Ein Stück von Jelinek (das ist doch die Frauenkämpferin mit diesen kokolorischen Sprechstücken?) in der Kulisse eines Mundartschwanks. Am besten in einer ohnehin stehenden Kulisse in einer Mundartbühne. Die Schauspieler sprechen Jelinek (die meiste Zeit durcheinander), spielen aber als wären sie in einer Verwechslungskomödie aus dem Theaterstadl. Inklusive Fummel, Perücken und haarscharfe Begegnungen via die zahlreichen Türen, durch die die Spieler auf- und abtreten. Weiterlesen

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Beachten Sie die Packungsbeilage

Das «Infinite Jest»-Logbuch (8)

Heute keine Zeit.

0063<|>1016. Kapitel 7. Sonniges Herbstwetter; hohes Verkehrsaufkommen. Gut Fahrt gemacht.

Franzoesisch-in-die-Tonne-kloppen

Don Gately versteht kein bisschen Französisch.

Es hat angefangen, richtig David Foster Wallacig zu werden.

Zwei Labyrinthe: Eins ist der Handlungsort E.T.A., Enfield Tennis Academy. Das andere sind die Beschreibungen von Drogen in den Endnoten. Weiterlesen

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Martin kuckt Antichrist

MJKK

Martin kuckt Antichrist

Spoiler Alert: Diese Kritik verrät das Ende.

Freiburg. (mjeu/majo) Was Der weiße Hai für das Baden im Meer und Psycho für das Duschen bewirkt hat, das schafft Lars von Triers Antichrist für die Frau. Und für den schönen deutschen Wald. Weiterlesen

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Martin kuckt »Cruel Intentions«

Martin Josts Kulturkonsum

Freiburg. (mjeu/majo)• »Cruel Intentions« ist eine Übertragung der Romanvorlage »Les liaisons dangereuses« (»Gefährliche Liebschaften«) in die Gegenwart. Auf Deutsch heißt er »Eiskalte Engel«, was dämlich ist. Aber der Film ist sehr cool. Der Soundtrack mit Musik von Placebo, Fatboy Slim, Blur, Counting Crows, Skunk Anansie, Aimee Mann, Faithless und Andrew Oldham Orchestra lässt allein beim Hören einen coolen Film im Kopf ablaufen.

»Cruel Intentions« ist das Erstlingswerk seines Drehbuchautors und Regisseurs Roger Kumble und 1999 waren Sarah Michelle Gellar, Ryan Phillippe und Reese Witherspoon auch noch junge Schauspieler. Sie spielen reiche New Yorker Teenager, die sich durch sexgetriebene Intrigen Ruf und Stimmung kaputt machen. Gellar und Phillippe spielen die Stiefgeschwister Catherine Merteuil und Sebastian Valmont (die Namen sind aus der Romanvorlage erhalten geblieben), die sich verschwören und gegenseitig beim Zerstören von Persönlichkeiten zur Hand gehen. Motor des Films ist eine Wette zwischen den beiden angeheirateten Geschwistern, deren Eltern im Film überhaupt keine Rolle spielen: Wenn Valmont die Tochter des neuen Internatsdirektors rumkriegt, die in einer Art »Bravo Girl« Keuschheit bis zur großen Liebe gelobt hat, darf er mit seiner Stiefschwester Merteuil schlafen. Im anderen Fall bekommt sie sein Auto. Am Ende stellt sich heraus, dass Merteuil die Stärkere ist, was intrigante Gewalt angeht. Valmont ist dafür moralischer Sieger, auch wenn er drauf geht und ihm das nicht mehr viel nützt.

Zum ersten Mal gesehen habe ich »Cruel Intentions« 2001, in einem Klassenfahrt-Bus. Im gleichen Sommer habe ich Pierre Ambroise François Choderlos de Laclos’ »Liaisons dangereuses« gelesen und sehr gemocht. Es war, glaube ich, der erste Briefroman, den ich gelesen habe und ich mochte diese Form. Positiv fand ich noch die subtile Gesellschaftskritik, derzufolge die reichsten Menschen gleichzeitig die schmutzigsten Schweine sind. Sie spielen miteinander, als wären sie sich nichts wert – ein Thema vieler guter Bücher und Filme, »Basic Instinct« beispielsweise.

Ich wollte »Cruel Intentions« schon lange mal wieder sehen. Im Fernsehen habe ich es mal versucht, aber da wird er – zumindest zur Prime Time – brutal zerschnitten. Nicht, weil es auch nur eine einzige Nacktszene gäbe, aber wegen der expliziten Sprache. Ein Beispiel ist die Szene, in der Catherine Sebastian die Wette unterbreitet. Sie bietet ihm an, dass er endlich mit ihr schlafen kann – in ihrer arroganten Einbildung der einzige unerreichbare und sein größter Wunsch – und er sagt nein: So viel ist sein historischer Jaguar Roadster nicht wert. Schnitt: Valmont, wie er der Kamera entgegen läuft. In seinem Rücken sitzt Merteuil auf ihrem Bett. Sie sagt: „You can put it wherever you want.“ Er stockt und denkt noch einmal darüber nach, bevor er sich umdreht und ihr die Hand auf die Wette gibt. In der TV-Ausstrahlung, die ich mal auf Pro7 zu sehen versucht habe, fehlt ihr Spruch. Er sagt ebenfalls nein zur Wette, läuft weg und stockt unvermittelt. Ohne erkennbare Motivation macht er kehrt und willigt doch ein. Bescheuert.

»Cruel Intentions« hat zehn Jahren standgehalten, finde ich. Er hat eine klare und leicht lesbare, aber ausgefeilte Bildsprache. Alle Einstellungen begünstigen, dass man der komplexen Story folgen kann und die dynamische Stimmung der Handlung gleichzeitig nicht holpert. Die Schauspieler scheinen zu Hause zu sein in ihren boshaften Rollen und bringen pointiert ihre krassen Sprüche.

Die größte Schwäche des Films ist das Finale. Nicht das absolute Ende mit der Genugtuung gegen Catherine, sondern das Finale auf der Straße neben dem Central Park. Es versucht, die Ereignisse am Ende vom Buch eins zu eins auf den Handlungsort New York City zu übertragen und dabei muss ja noch Valmont irgendwie unnötig sterben. Schlecht, schlecht, schlecht. Hier ist ein Hollywoodfilm, dem ein Happy End besser getan hätte als sein tatsächliches.

Mir fallen Filme ein, die gut zu »Cruel Intentions« passen, vielleicht unter dem Label eines »Hormonal Turn of the Millennium«-Kanons: Baz Luhrmans »Romeo + Juliet« ist von ähnlichem visuellen Typ, »Igby goes down« hat den gleichen Blickwinkel auf New York City und seine zynische Upper Class (und in beiden spielt Claire Danes mit) und »Basic Instinct« (okay, der ist schon aus den frühen Neunzigern) zeichnet gleich gut böse Menschen, die einander als Marionetten einzuspannen versuchen.

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Autoren machen Filme?

Die Podcast-Kritik

«Creative Screenwriting» Podcast

Freiburg. (mjeu/majo)• Joachim Hammann wie Robert McKee vertreten die Ansicht, dass für einen Film niemand anderes als der Drehbuchautor maßgeblich verantwortlich ist. Ohne Drehbuch kein Film. Regisseur hin oder her, der Autor ist der »Macher« eines Films.

Die These berechtigt auch das Angebot des «Creative Screenwriting» Magazines, einer Art Hollywood-Handwerksblättle, in dem erfolgreiche Drehbuchautoren und wer sonst etwas über ihr Handwerkszeug zu sagen hat, zu Wort kommen. Dem Mehrwertangebot dieser Zeitschrift verdankt die Welt das «Creative Screenwriting» Podcast, das sich kostenlos zum Abonnieren unter anderem im iTunes-Store findet. Jeff Goldsmith, ein Herausgeber der Print-Zeitschrift, zeichnet wöchentlich ein Interview mit dem Autor eines aktuellen Films auf, das er meistens direkt nach der Aufführung genau dieses Films führt. In den regelmäßig über eine Stunde langen Audio-Podcasts kommt auch das jeweils anwesende Publikum dazu, einige Fragen zu stellen.

Eine Stunde oder mehr, in denen der Drehbuchautor (und im Mittelpunkt stehen ganz explizit immer die Drehbuchautoren) ausführlich von ihren Lehrjahren, ihrem Einstieg ins Filmgeschäft und der literarischen Arbeit am jeweiligen Drehbuch erzählen – das ist Gold. Meistens finden die Sondervorstellungen mit Interview statt und die Podcast-Episode erscheint, bevor der jeweilige Film in Europa angelaufen ist. Das macht das Zuhören manchmal etwas anstrengend, wenn explizit über Szenen in dem aufgeführten Film gesprochen wird. Aber trotzdem taugen die Interviews auch sehr zum Vorbereiten auf das Anschauen eines Films. Sie schärfen den Blick für die Detailarbeit, mit der er produziert wurde und machen neugierig auf manchen Film, der im europäischen Vertrieb unter geht und der einem vielleicht nicht im Kino unterkommt.

Die März-Episoden waren Interviews mit den Autoren von «Gomorrah», «Watchmen», «I Love You Man», «The Last House on the Left» und «The Great Buck Howard». Im April gab es ein Interview mit Jody Hill, dem Autor von «Observe and Report», in derselben Woche, in der auch in Elvis Mitchells Talk-Radio-Sendung «The Treatment» auf KCRW interviewt wurde, die übrigens auch als Podcast erhältlich ist.

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