Trennung von Tipp und Artefakt

Löwe hängt an Dingen

Bücherregal, 5. August 2013

Ich bin bestimmt der Letzte, den sie kriegen, die verdammten Kulturpessimisten. Aber mir ist gerade etwas aufgefallen, das ich vermisse:

Wenn man zu meiner Zeit jemandem ein Buch empfahl – oder ein Album oder einen Film –, blieb es selten bei der Information „Des isch ganz toll.“ Wer A sagt, muss auch B sagen. Hier: „Soll ich’s dir borgen?“

Und wer nicht selber B sagte, musste nicht lange warten auf die Nachfrage: „Und? Hast du’s?“ Mit einem stummen: „Meinst du, ich kaufe mir selber das Video oder was?“

Schön an der heutigen Zeit: Wissen und Kulturprodukte sind in der Regel körperlos und immer und überall verfügbar. (Zeitungsartikel online, Bücher als E-Books, Zeitschriften zum Download, Filme und Musik via Stream.) Wir zahlen in der Regel nur noch einen Preis, der der Nutzung angemessen ist und nicht dem Besitz. (Micropayments oder gar nichts für Online-Texte, Flatrates oder Leihgebühr für Filme online, einzelne Songs als Datei kaufen statt das ganze Album als CD.)

Mit dem Wegfall des Artefakts übergibt man nichts mehr, wenn man etwas empfiehlt. Kein „Hier, dieses Buch ist gut, du kannst es mir wiederbringen, wenn du fertig bist“, sondern ein „Soll ich’s dir aufschreiben?“

Macht das eine Empfehlung am Ende weniger verbindlich? Hört das Ritual des ans Empfehlen gekoppelten Verleihens hiermit auf und stirbt mit unserer Generation?

Oder gewinnen wir vielleicht ein Stück Freiheit? Denn zwei Typen Mensch werden mit dem Aussterben des Verleih-Empfehlens unsichtbar: 1.) Der Typ, der einem nie seine DVDs zurückgibt, von dem man kein Pfand besitzt und der nicht auf E-Mails reagiert. 2.) Der Typ, der einem ungefragt etwas leiht-empfiehlt und dann erwartet, dass man es noch im selben Jahr liest oder ansieht oder durchhört und ihm nach kürzester Zeit begeistert und dankbar zurück erstattet. Und immer weniger beiläufig und dafür immer passiv-aggressiver fragt: „Und? Wie gefällt dir eigentlich das Buch? Wie weit biste denn schon?“ – So dass man unterstellt, dass er einen überhaupt nur noch kontaktiert, um zu erfahren, ob man seiner Leihgabe die nötige Reverenz erweist und man ihm notgedrungen ausweichen muss und in einen Teufelskreis gerät, in dem die Abneigung gegen den Verleiher sich auf das geliehene Buch überträgt, so dass die Lust, es überhaupt anzufangen, noch weiter sinkt und man ihm noch weniger mit der erwarteten Begeisterung auf seine zudringlichen Nachfragen, wie einem denn das Buch gefällt, antworten kann und will und irgendwann den Kontakt ganz abbricht.

Dann doch lieber den Zettel verlieren, auf dem er seine Empfehlung notiert hat.


Auch noch:

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2 Kommentare

von | 6. August 2013 · 09:00

2 Antworten zu “Trennung von Tipp und Artefakt

  1. Pingback: Bitte mitnehmen! | martinJost.eu

  2. Kathrin Passig schreibt auf ZEIT Online, dass sie dazu übergegangen ist, nur noch zu empfehlen. Verschenkte Bücher blieben ohnehin ungelesene Bücher:

    »Dank E-Books lese ich mehr und kaufe weniger«

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