R.I.P. Hans-Jochen Vogel

Ich arbeite in einem Büro im Münchner Kulturzentrum Gasteig und im Flügel der Philharmonie nebenan findet heute die Trauerfeier für Hans-Jochen Vogel statt. Ich habe Hans-Jochen Vogel nicht gekannt, aber ich kann doch eine Geschichte erzählen, die mich mit ihm verbindet: Vor gut drei Jahren haben wir telefoniert. Meine Begegnung über Draht bestätigt das Bild, das viele Nachrufe von ihm gezeichnet haben: von einem, der die Dinge kompromisslos gründlich bis ins Detail angeht.

Hans-Jochen Vogel war vor seinen Stationen als Regierender Bürgermeister von Berlin, Bundesbauminister, Bundesjustizminister, Oppositionsführer im Bundestag und SPD-Vorsitzender Münchner Oberbürgermeister und hat sich zeitlebens für menschenfreundliche, soziale Städte eingesetzt.

In einem Brief hatten wir Vogel – neben anderen Honoratior*innen – um einen schriftlichen Glückwunsch für das neu gebaute Bildungszentrum der Münchner Volkshochschule in der Einsteinstraße 28 gebeten. Ich war Redakteur des Magazins, das die Eröffnung begleitete und meine Durchwahl war im Brief für Rückfragen angegeben.

Als mein Telefon klingelte und sich Hans-Jochen Vogel meldete mit der Stimme von einem, der gleich zum Punkt kommt, weil er heute noch einiges zu erledigen hat, war ich etwas eingeschüchtert. Er wollte aber nur durchgeben, dass er den Brief mit der Bitte um ein pointiertes Zitat erhalten habe und sich fristgerecht an die Bearbeitung machen werde.

Bei der Gelegenheit fragte er mich aber doch (und in meinem Kopf hat er die Frage mit „Junger Mann,“ eingeleitet, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, weil es so gut zu meinem akuten Ehrfurchtsanfall gepasst hätte), wie denn die Münchner Volkshochschule inhaltlich auf den aktuellen Rechtsruck reagiere. (Als wir telefonierten, circa Winter 2016, wirkte der reaktionäre Gegendruck nach dem weltoffenen Sommer 2015 gerade besonders erstickend.) Obwohl ich etwas auf dem Schlauch stand, fielen mir doch einige passende Vorträge und Podien aus dem Programm sowie die Trainings gegen Stammtischparolen ein. Herr Vogel verabschiedete sich zufrieden.

Später habe ich erfahren, dass er die Bitte um ein Statement noch genauer genommen hat als alle anderen. Die Länge hatten wir auf 160 Zeichen inklusive Leerzeichen begrenzt. Hans-Jochen Vogel hat sich große Mühe gegeben, diese Grenze nicht nur einzuhalten, sondern möglichst punktgenau auszunutzen. Er lieferte termingerecht und präzise.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter 08 Drahtbildberichterstattung, Bayern, Blog-Exklusiv, D-Land, Geschichtenonkel, Kulturgeschichte der Neunziger, München

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