Ich habe mich um ein Stipendium fürs Nichtstun beworben und konsequenterweise habe ich die Jury nicht überzeugt

2.864 Bewerbungen aus 70 Ländern sind laut «SPIEGEL» eingegangen: Die Hochschule für bildende Künste Hamburg hatte im Jahr 2020 ein Stipendium über 1.600,– Euro ausgelobt. Bewerber*innen mussten schildern, was genau sie für welchen Zeitraum unterlassen wollten.

Symbolbild Zeitmanagement

Die drei Gewinnerinnen wurden mit ihren Konzepten und ihren Erfahrungsberichten Teil der Ausstellung «Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben» im Sommer 2021 im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MK&G). Anonymisiert waren auch alle Bewerbungsbögen in der Ausstellung zugänglich.

Mein Traum vom Stipendium ist geplatzt, aber vielleicht möchtet ihr euch aus meiner Bewerbung zumindest abschauen, wie man’s nicht macht:

Was wollen Sie nicht tun?

Ich möchte eine Zeitlang keine Spuren legen. Ich möchte mich so wenig wie möglich in die Welt einschreiben. Ich möchte auskommen, ohne, dass ich Bilder, Abdrücke, Aufzeichnungen, E-Mails, Unterschriften, Transaktionen, Werke, Abnutzungen, Zeugenaussagen, Urkunden, Nachkommen, Texte, Cookies, Favoriten, Stempel, Negative oder Dateien hinterlasse. Ich möchte einen Zeitabschnitt bewohnen, aus dem mich niemand freilegen kann.

Wie lange wollen Sie es nicht tun?

Ich möchte eine gute Woche – mit Akklimatisierungsphase also zehn Tage – den Versuch unternehmen. Ich gehe davon aus, dass die ersten zwei bis drei Tage dazu dienen werden, mich zu sensibilisieren für spurenverursachendes Verhalten, dessen ich mir im Vorhinein noch nicht bewusst war und um mein neues, spurenrationiertes Verhalten einzuüben.

Warum ist es wichtig, genau das nicht zu tun?

Die meisten Menschen in der Geschichte genossen den Luxus der Anonymität. Alle prekären Begleiterscheinungen des Status als anonyme Person der Vergangenheit mal beiseite geschoben, ist es aus heutiger Sicht ein Privileg, zumindest die Möglichkeit zu haben, keine Spuren zu hinterlassen. Und sei es nur, um die dafür notwendigen Techniken einzuüben (zu Hause bleiben, analog kommunizieren, keine Lesezeichen in Bücher stecken … Fingerabdrücke grundsätzlich verwischen? Nur noch bar bezahlen?).

Warum sind Sie der*die Richtige, das nicht zu tun?

Als gelernter Althistoriker beherrsche ich viele – analoge wie digitale – Techniken der Informationssammlung und Biographiebildung. Auch als Leser von Krimis kenne ich viele Methoden, mit denen sich jeder beliebige Tag im Leben eines Menschen nachvollziehen lässt. Dieses Wissen sollte ich eigentlich nutzen können, um für zehn Tage meines Lebens das Hinterlassen von Spuren bleiben zu lassen und ein „dunkles Zeitalter“ in meine Biografie einzuschalten, von dem ich und andere mit keinem vertretbaren Aufwand würden nachvollziehen können, was ich in dieser Zeit gemacht, gegessen, gelesen, gedacht, gekauft, gesprochen oder konsumiert habe.


Auch noch:

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