Kirschrote Zone

Warum das Studiverzeichnis
die DDR des Internets ist

Von Martin Jost

Studivz.net. (mjeu) In der Zone, deren Erkennungsfarbe ein schrilles Rot ist, ist es eng und klein. Die Bevölkerungszahl beträgt nur 6,2 Millionen. Die politische Beteiligung ist gering, das Freizeitangebot ist mager und kaum kommerziell. Kontakte ins Ausland gibt es nicht – es sei denn, ein Weltbürger verirrt sich mal hier her – obwohl die Welt doch so groß ist.

Die Rede ist natürlich vom Studiverzeichnis (kurz: studiVZ), dem Ende 2005 gegründeten sozialen Netzwerk für deutschsprachige Internetnutzer. (Wovon denn sonst?)

The GDR, coloured red, with the original divis...

Anàlogon: studiVZ hellrot, Facebook hellblau. studiVZ klein und abgeschnitten, Facebook groß und international... • Image via Wikipedia

Der größte Wettbewerber im kalten Krieg um Nutzer und Umsatz heißt Facebook. Facebook kommt blau daher und wurde von Amerika gegründet. Wer auf Facebook ist, kann auf der Seite theoretisch Kontakt zu 500 Millionen Nutzern auf der ganzen Welt aufnehmen – ohne Weiteres in der Kaffeepause eine Weltreise machen. Die deutsche Bevölkerung auf dem weltoffenen Facebook zählt 10 Millionen. (Quelle: Wikipedia)

Auf Facebook ist alles einen Tick kapitalistischer. (Ohne sagen zu wollen, dass studiVZ eine pro-bono-Seite sei). Die Werbung kommt personalisiert daher (das heißt, aufgrund der Vorlieben, die man angibt; der Filme, die man mag; und aufgrund von Schlüsselworten, die im schriftlichen Austausch mit Freunden fallen werden einem Anzeigen eingeblendet, die für den jeweiligen Nutzer ganz besonders interessant sein sollten) und man kann seinen Freunden virtuelle Geschenke machen (animierte Torten oder elektronische Grußkarten), die man mit einer echten Kreditkarte bezahlen muss. Und schließlich und endlich war Facebook schon zuhauf in der Kritik, weil es sich durch die Nutzungsbedingungen die Vermarktungsrechte an den privaten Fotos und Texten der Nutzer sichern will.

Hier dreht sich die Analogie zwischen DDR/BRD und studiVZ/Facebook um. Gefühlt stand Facebook in den letzten Monaten deutlich öfter wegen Spitzelei am Medienpranger. (Vgl. Zusammenfassung im Wikipedia-Artikel über Facebook.) Aber das liegt an der Unschärfe des Similes: das studiVZ ist ja kein sozialistisches Experiment, sondern ein Konkurrent im gleichen westlichen Online-Marktsegment wie Facebook.

Visastempel der DDR

Image via Wikipedia

Weil es sich hier um die digitale Welt dreht, kann im Unterschied zum richtigen Leben jeder überall sein. Spätestens seit Facebook 2008 auch mit einer deutschen Übersetzung nutzbar ist, zog ein dicker Exodus von studiVZ nach Facebook um. In meinem Freundeskreis war Facebook damals angesagt, weil man sich da nicht nur mit Unifreunden aus der Stadt und im Heimatdorf vernetzen konnte, sondern auch mit Austauschschülern und Gastfamilien zwischen Finnland und Amerika. Aber: Wer rüber machte, musste deswegen noch lange nicht seine studiVZ-Identität löschen. Manche Freunde fand man ja vielleicht auf Facebook nicht und blieb deshalb im alten Netzwerk noch vertreten. Sollte sich dort (alle Jubeljahre) noch etwas ereignen (dass einem jemand eine Nachricht schreibt oder man gegruschelt wird zum Beispiel), kann man sich einloggen als wäre nichts passiert. Rübermachen aus dem studiVZ ins große weite Facebook ist eben nicht gleich Familie sitzen lassen.

Damit hören meine Gedanken zur deutschen Einheit für heute auf. Richtig, so gut war der Vergleich jetzt auch nicht. Aber ich hoffe, wir haben alle was gelernt. Schönen Sonntag noch und ruht euch aus!

Ausblick

Das wahre kommunistische Netzwerk, das von Facebook-Enttäuschten für Facebook-Mäkler gegründet wurde und verspricht, jeden Aspekt des Datenschutzes in Nutzerhände zu legen, heißt Diaspora und wird zur Zeit noch von einer weltweit ehrenamtlich kooperierenden Entwickler-Gruppe in Open-Source-Manier entwickelt. (D. h. alles gehört allen und keiner hat Geld.) Gegen Ende des Jahres soll es online gehen. Der Open-Source-Aspekt ermöglicht es jedem Nutzer, an seiner Diaspora-Umgebung selbst zu programmieren und sein Profil auf eigenen Servern zu Hause zu hosten. Weniger detailverliebten Nutzern wird es in der Standardversion so ähnlich wie Facebook vorkommen. Ein bisschen mehr Ähnlichkeit als zwischen StarOffice und MS Office vielleicht.

Der Gedanke, dass studiVZ eine virtuelle Metapher für die DDR geworden ist, kam mir übrigens, als ich mal wieder in meinem alten studiVZ-Profil wühlte und meine dortige erfolgreichste Gruppengründung besuchte: »Wie, du kommst aus Thüringen und sprichst gar nicht Ostdeutsch?« In der Gruppe sammeln Leute aus meiner Generation (für die die Wende mehr eine lebhafte frühe Kindheitserinnerung ist denn ein massiver Knick in der Biographie wie für die Zonenkinder) respektlose bis lustige Sprüche, die sie über ihr Ossisein in den alten Bundesländern zu hören bekamen. Bemerkenswert ist, wie oft die ignoranten Bemerkungen erst getriggert werden, wenn man freiwillig erzählt, wo man geboren wurde, weil der Unterschied zwischen beiden Herkünften in unserer Generation nur noch sehr imaginär ist. Vielleicht werde ich an dieser Stelle mal ein Best Of aus dieser studiVZ-Gruppe veröffentlichen.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter 07 Sonntags, 11 Das Transpostmoderne Manifest, Ungedrucktes

Eine Antwort zu “Kirschrote Zone

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