Wir haben eigentlich beide Schluss gemacht

Liebes Vista!

Von Martin Jost

Das Ende der weißen Jahreszeit ist eine Zeit der Veränderungen. Wenn die Schneedecke vor den Fenstern schmilzt, kommt viel Altes zum Vorschein, Silvesterknaller zum Beispiel, und doch stehen die Zeichen auf Neubeginn.

Tschüss, Vista BerlZ

Artikel aus der «Berliner Zeitung» vom 3. März 2010.

Ich stehe vor so einem Neustart. Ich glaube, dass Du in den letzten Tagen auch gespürt hast, dass es vorbei ist. Deswegen warst Du zickig wie schon lange nicht mehr. Ich habe Dich vorhin allein zu Hause stehen lassen, weil Du nicht mit mir reden wolltest. Ich habe Dich angeklickt, aber Du hast nicht mal gezuckt. Jetzt schreibe ich Dir diesen Brief und Windows XP ist bei mir. Ich weiß, Du hattest immer Angst, weil ich auf Arbeit jeden Tag meine Ex sehe. Aber ich verlasse Dich nicht wegen XP.

Natürlich habe ich damit geliebäugelt. Wo wir jetzt ganz offen miteinander sind, kann ich es ja sagen. Sie war einfach das Betriebssystem, mit dem ich am unbeschwertesten war. Und ich wollte mehr als einmal wieder zu ihr zurück.

Du hast Dich nicht mal mit meinen Freunden verstanden. Mit dem Drucker zum Beispiel. Du warst höflich, ja, hast „Hallo“ gesagt und „Tschüss“. Aber so richtig hast Du Dich nie für seine Treiber interessiert. Ich habe auch ein Hobby für Dich eingestampft: Meinen alten Dia-Scanner wolltest Du Dir nie installieren lassen.

Ich habe in uns investiert. So viel an Dir rumgefummelt, so viele Registry-Hacks ausprobiert. Und es hat sich ausgezahlt. Die meiste Zeit hatten wir eine ganz stabile Beziehung. Dabei sind wir völlig auf dem falschen Fuß gestartet. Du hast mich bevormundet. Hast alle fortgeschrittenen Einstellungen vor mir versteckt. Du warst misstrauisch, hast mich jedes Mal drei Mal gefragt, ob ich wirklich sicher bin, dass ich dieses Programm ausführen will.

Seit dieser Zeit störten mich nur mehr die kleinen Dinge. Dinge, die Du sowieso nicht ändern kannst. Deswegen wäre es gemein, sie Dir vorzuwerfen. Dass Du ein bisschen langsam bist, zum Beispiel. Und aufgeblasen und anspruchsvoll. Und dass Du es immer so glitzernd magst und durchsichtig, bling bling. Das war einfach nie mein Stil.

Du hast mir gedroht, dass Du Dich aufhängst. Ohne unsensibel wirken zu wollen: Ich bin an einem Punkt, da ist es mir einfach egal. Ich muss ja auch mal an mich denken. Und ich verstehe, dass es schwer für Dich sein muss, mir meine ganzen Dateien zurückzugeben.

Wer ist ab morgen mein neues Betriebssystem? Meine Freunde wissen, dass ich ein Auge geworfen hatte auf Mac OS X. Ich habe selbst ein bisschen gedacht, dass es dieses Mal vielleicht mit ihr passiert. Und ich war wirklich immer mal wieder Feuer und Flamme für Mac, obwohl ich sie fast nur aus dem Fernsehen kenne. Aber ich fürchte, dass sie mir zu viel Wert auf Äußeres legt. Nicht, dass sie oberflächlich wäre oder dumm. Aber bei ihr würde ich arm werden von dem ganzen Design, auf das sie abfährt. Nein, Mac ist nicht meine Neue.

Und Linux ist es auch nicht. Vielleicht hast Du von unserer Affäre gehört? Das war aber nix Tiefes. Ich habe Linux nur hin und wieder mal hochgefahren und ihr Updates besorgt. Sie hat einfach die besten Desktops: Weltraumbilder! Und ihre Bildschirmschoner erst … Doch so viele Sachen konnte ich mit ihr nie machen wie mit Dir. Filme kucken, zum Beispiel. Sie war sehr für Kommune und Alles-gehört-allen. Hollywood-DVDs hat sie boykottiert. Ich hab’s einfach nicht so mit diesen Ökos.

Warum also ausgerechnet Windows 7, die ich kaum kenne? Ich habe von Freunden nur Gutes über sie gehört. Weil sie eine Professional ist, kann sie angeblich sogar meine alten Programme aus der XP-Zeit wieder ausführen. Du weißt schon, Dia-Scanner und so.

Gedruckte Texte von Martin Jost

Gedrucktes

Du sagst, sie sei billig. Aber sie ist eigentlich gar nicht billig. Das war nur ein Aktionsangebot, um Studenten wie mich rumzukriegen.

Das mit Dir, das war so kurz. Es wird nicht viel in Erinnerung bleiben. Da war nie Home Premium, das hieß nur so. Es war ein Notfall, als ich Dich kaufte, weil mein alter Computer kaputt ging. Vielleicht war da immer dieses Gefühl, dass ich Dich nicht genommen hätte, wenn ich es mir hätte aussuchen können. Ich weiß auch nicht, wie es jetzt weiter geht. Vielleicht stellt sich raus, dass Windows 7 das schlimmste Betriebssystem der Welt für mich ist. Aber ich bin einfach bereit für einen Neuanfang. Ich hoffe, Du kannst es in Dir finden, ihr und mir alles Gute zu wünschen.

Dein

Administrator.


Update 24. August 2012. Diesen Artikel in seiner alten Fassung sehen: Hier.


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6 Kommentare

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6 Antworten zu “Wir haben eigentlich beide Schluss gemacht

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