Bundestagswahl 2013

Empört mich!

Ich kann den Muell nicht bei mir behalten. Ich lass den Scheiss einfach los. Ich lass mich gehen. Ach ist doch alles egal.

„Au, ich hab da was.“

„Zeig mal her!“

„Nee, is schon gut.“

„Echt, zeig mal her!“

„Nee, isn bisschen ne private Stelle.“

„Tut’s weh?“

„Manchmal. Meistens drückt’s nur’n bisschen. Sieht aber eklig aus. Manchmal kommt so was Gelbes raus. Manchmal bin ich ein paar Stunden gelähmt, wenn ich drauf rum drücke und kann nicht aufstehen und mach mir ein. Geht aber eigentlich.“

„Was isses denn?“

„Weiß ich auch nicht.“

„Wie lange hast’n das schon?“

„Paar Jahre.“

„Geh doch mal zum Arzt.“

„So schlimm ist es auch nicht.“

Politikverdrossener, am politikverdrossensten

Immerhin war ich wählen. Ich war bisher immer wählen, wenn ich zu einer Wahl aufgerufen war, aber ich muss schon sagen: So nah am Nichtwähler war ich noch nie. (Konkret heißt das, dass ich ein paar Wochen vor Ende des Wahlkampf mal von einem Schwall überwältigender Unlust überkommen wurde.) Ich habe wiederholt briefgewählt. Diesmal – im Gegensatz zur baden-württembergischen Landtagswahl 2011 – nicht aus praktischen Gründen, sondern einfach um den Scheiß hinter mir zu haben. Um in einem beiläufigen Akt auf dem Weg zur Arbeit meine Briefwahlunterlagen abgeben zu können und um mich den Rest des Wahlkampfs nicht mehr von Fremden auf der Straße anquatschen lassen zu müssen.

Damit bin ich immer noch ein einigermaßen engagierter Wähler. Aber aus der Innensicht finde ich meinen Sturz vom begeisterten Erstwähler, der so früh im Wahllokal aufschlug, dass ihn eine Wahlhelferin seinen Eltern gegenüber lobend erwähnte über einen ehrenamtlich in der Lokalpolitik Engagierten zu einem Fast-Nichtwähler sehr tief.

Fuck the Fuck

Die Unlust zu wählen war schon sehr groß. Das Gefühl der totalen Egalheit saß fest. Wenn ich bei einzelnen Parteien schon echten Willen ausmachen konnte, sich mit ihrem Programm von der Anbiederung an den Status quo oder vom Palaver pro Machterhalt abzugrenzen, rechnete ich mir für diese lobenswerten Parteien kaum Chancen aus. Ich dachte: Meine Stimme macht keinen Unterschied.

Angesichts des Ergebnisses fühle ich nicht, dass ich etwas ausgerichtet hätte. Trotzdem bin ich froh, dass ich wählen war. Jetzt kann ich mir zumindest keine Vorwürfe machen, zum konservativen Wahlsieg durch Unterlassung beigetragen zu haben.

Filter Bubble

Die CDU hat in der Bundestagswahl überraschend stark abgeschnitten. Zwar scheint sie nach einer Schrecksekunde, die den frühen Abend über andauerte, doch keine absolute Mehrheit einzuheimsen (Stand 22. September 2013, 21:55 Uhr). Aber überraschend hoch ist das Ergebnis doch.

Das heißt, für mich war es überraschend. Ich bin mal wieder auf meine Filter Bubble hereingefallen. In der analogen Welt: Freiburg. Grüne Stadt, grüner Oberbürgermeister, Grüne stärkste Kraft bei der Europawahl, grün regiertes Bundesland. Ich dachte, der Erststimmenkampf drehte sich wirklich darum, ob Kerstin Andreae (Grüne) Gernot Erler (SPD) das Direktmandat abringen kann. Stattdessen wählt Freiburg Matern von Marschall (CDU).

FDP Phillipp Rösler

Im sozialen Netzwerk, digital wie offline: Ich bin umgeben von Menschen, die entweder links oder grün denken, leben, fühlen. Ich kenne durchaus Konservative und spreche sogar mit CDU-Wählern. Aber die sind weder laut noch bösartig. Sie wirken auf mich wie gute Menschen, die das Schädliche am Konservatismus nicht sehen oder sich nicht vorstellen können und aufrichtig glauben, dass ein schwarz regiertes Gemeinwesen allen ehrlichen und guten Menschen genau so gut tun kann wie ihnen selbst. Die konservativen Wähler, die ich kenne, habe ich verbucht unter „fehlinformiert aber gutartig“.

Wie vor dem Volksentscheid über Stuttgart 21 habe ich die Empörung über die Verarsche der letzten vier Jahre Regierungspolitik überschätzt. Ich habe eine Bewegung gerochen, fast einen Mobilisierungsruck, der nicht da war. Das Enttäuschendste am Wahlausgang ist nicht, wie weit das Ergebnis von dem abweicht, was ich mir gewünscht habe, sondern wie weit es von dem abweicht, was ich erwartet habe.

Warten auf den Leidensdruck

Na gut. Die Themen, die mich bewegen und die Haltung, die ich angenommen habe, sind nicht die der Mehrheit. Mit dem Gedanken muss ich mich als ersten Schritt aus der Trotzphase vielleicht anfreunden. Aber dass die anderen hinzugewinnen? Zum ersten Mal seit Adenauer werden bräsige Aussitz-Politik und menschenverachtende Diskursverschleppung durch die Kanzlerin nicht nur mit knappem Machterhalt belohnt, sondern beinahe mit einer absoluten Mehrheit? Euer Ernst?

Ihr habt doch dieselben vier Jahre erlebt wie ich. Ihr habt doch auch eine Kanzlerin gesehen, deren Politik darin besteht, von der Politik abzulenken. Die keine Meinung hat oder sich einer Meinung enthält. Die Wahlkampf macht mit der Strategie: Lasst uns schwierige Themen vermeiden, das wühlt nur auf – wählt mich, dann haben wir weniger Aufwand. Regierungswechsel bringt jedesmal einen unmöglichen Papierkram mit sich!

Ihr wart doch dabei. Warum ist euer Schluss: Ja, das hört sich gut an, läuft doch alles? Warum ist euer Schluss nicht: Eine Haltung wie die meiner Kanzlerin hat die Titanic versenkt, ich habe Angst?

Ach so: Ich hab ja gar keine Angst, fällt mir ein. Ich war vor der Wahl praktisch nicht mobilisiert – was steht mir zu, mich jetzt aufzuregen?

Das Ziel ist im Weg

Ich würde so weit gehen, zu sagen: Ich bin angeekelt. Aber ich habe keine Angst. Ich war vor der Wahl kaum zum Wählen zu kriegen, weil ich überzeugt war, dass es nichts ändert; ich glaube immer noch, dass sich nichts ändert. Ich hielt und halte meine Grundversorgung mit Menschenwürde, Teilhabe und existentiellen Bedürfnissen für gesichert. Ich habe meine eigenen Sorgen. Ich erwarte nicht, dass die Bundespolitik der kommenden Jahre – und sei sie im Rahmen des im Bundestag vertretenen Spektrums auch extrem – meine Lebensumstände unmittelbar oder auch nur messbar beeinflussen wird.

Klar, ich bin privilegiert. Ich bin keine Frau; ich bin kein Ausländer; ich bin nicht krank; ich bin kein Flüchtling; ich bin nicht bildungsfern; ich fühle herkömmlich heteronormativ. Nur eins davon mit Nein beantwortet und ich wäre um Längen angepisster vom Wahlergebnis. Hätte vielleicht sogar Angst um mein unmittelbares Lebensglück und würde Wut aufflammen fühlen. Einzig: Ich hab keine Knete und bin Vegetarier. Aber es stellt sich heraus: Das geht auch mal für ne Zeit.

Ich kann so weit durch eure Augen sehen, dass ich noch ein bisschen mehr Angst kriege. Aber dann nimmt wieder das leidlich privilegierte Gefühlt überhand: Zumindest habe ich meine Ruhe. Segen und Fluch dieses modernen, reichen, sicheren, demokratischen Rechtsstaats ist, dass ich mich nicht vor einschneidenden Beschränkungen meiner Lebensform fürchten muss. Ich mag angewidert sein von den Schikanen, die Freunden zugemutet werden oder von der bewahrenden, ausprobierfeindlichen Haltung der Republikverweser – aber ich bin nicht aufgestachelt. Ich habe ein Problem damit, von der CDU und Angela Merkel regiert zu werden, aber ich kann damit leben.

Lieber würde ich ein Land bewohnen, das solidarisch mit Menschen ist, die an einem weniger privilegierten Ort auf der Welt geboren sind. Lieber in einem Land, das mein Grundrecht auf Geheimnisse respektiert und meine digitale Unversehrtheit verteidigt. Lieber in einem Land, das alle Menschen ohne Ansehen des Genitals fördert, wenn sie sich verwirklichen wollen oder sich in Liebe zusammenfinden und für einander da sind. Aber man kann nicht alles haben. Ist ja auch so schon nett hier.

Ich hätte es lieber anders, aber der Leidensdruck ist nicht so groß. Ich würde zum Arzt gehen, aber es ist mir die Mühe nicht wert.

Biedermeier 2

Ich habe meine eigenen Sorgen, ist doch klar. Was habe ich mit der Bundesregierung zu schaffen?

Mit der Stammtischparole „Die da oben machen doch sowieso, was sie wollen“, kann ich mich nicht identifizieren. Politiker haben einen unendlich komplexen Beruf, der ihnen viel abverlangt. Bis das Gegenteil bewiesen ist, kann ich nicht anders, als jedem Politiker gute Absichten und das Handeln nach seinem Gewissen und seiner Überzeugung zu unterstellen. Die da oben arbeiten für das Gemeinwesen. Vielleicht sind sie einfach nicht besonders gut, vielleicht ist aber auch die Aufgabe unendlich schwer.

Mir liegt stattdessen die Parole auf der Zunge: „Kann mir doch egal sein, was die da oben machen – ändert sowieso nichts für mich“. Das Gemeinwesen ist so weit autark, automatisiert und strukturiert, dass es sich von allein verwaltet. Postpolitisch. Eine Regierung führt die Aufsicht, aber sie muss nicht Teile der Bevölkerung im Kampf um Würde, Ressourcen und Grundrechte gegeneinander ausspielen. Wenn jeder für sich sorgt, ändert sich nichts. Ich habe keinen Grund für Angst. Kann mir doch egal sein, was die da oben machen.

Ich fürchte, meine Parole ist noch viel gefährlicher als „Die da oben machen sowieso, was sie wollen“. Sie bedeutet eine Rückkehr ins Biedermeier. Egoismus und Opportunismus. Ein Ausklinken aus dem politischen Diskurs statt eine Verwutbürgerung oder eine Mobilisierung. Geht das nur mir so? Stecken dahinter Privilegien? Ein unumstößliches Sicherheitsgefühl? Oder eine pathologische Kondition meiner Generation? Vielleicht bin ich auch nur faul. Vielleicht muss auch alles nur unerträglicher werden. Dann gehe ich irgendwann doch noch zum Arzt.


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