Die Mitte der Gesellschaft ist jetzt bei mir angekommen

Über vegetarische Buffets

Jeder Tag ist Veggie Day. on TwitpicStandardsatz des Vegetariers am Buffet: „Kannst du mal für mich da reinbeißen? Danke. Zeig mal – womit ist das gefüllt? Ist das Fleisch? Wie schmeckt das? Kau mal, hat es Fasern? Bist du sicher? Kannst du mal eins zerschneiden? Kannst du mit deinem Finger mal den Karottenwürfel anheben für mich? Sieht aus wie Gehacktes, oder? Ist das Grünkern? Kann ich das essen? Nah, lieber nicht.“

Vegetarisches Essen (Symbolfoto)

Vegetarisches Essen (Symbolfoto)

Ich war gestern Abend auf meinem ersten Neujahrsempfang, dem Neujahrsempfang der Freiburger Grünen. Man sollte meinen, öko-er könne eine Veranstaltung nicht sein. Die Jackson Pollock Bar, wo Freiburger Grünen-Veranstaltungen chronisch stattfinden, ist inzwischen grün gestrichen und in einer Ecke mit Sperrholz verkleidet, so dass fast Hüttenstimmung aufkommt. (Die Grünen geben zu Protokoll, mit dieser innenarchitektonischen Entwicklung nichts zu tun zu haben.)

Als die Bundestagsabgeordnete Kerstin Andreae* das Buffet eröffnet, aber dazu sagt, dass es komplett vegetarisch sei, gibt es Gemurmel und Gemecker. Auch in einem Grünen-Nest ist Vegetarismus nicht Konsens und die anwesenden Carnivoren sind nicht so eingeschüchtert, dass sie sich sogar ein kleines Gemaule verkneifen würden.

Mein Herz dagegen jubelte. Als Altvegetarier (meine Gemüsescheide** habe ich mit 26 überschritten) freute ich mich darauf, reinzuhauen ohne fragen zu müssen: Ist da Fleisch drin? In so einer Welt möchte ich schon lange leben und jetzt wird es endlich Mainstream.

Die Männer in meinem Heimatland Thüringen essen laut Fleischatlas deutschlandweit am meisten Tier. Ich habe von 1997 bis 2003 getan, was ich konnte, um diesen Schnitt zu senken, aber dann gab ich mich geschlagen und machte ins grüne Baden-Württemberg rüber.

Vegetarisches Essen (Symbolfoto)

Vegetarisches Essen (Symbolfoto)

Ich bin Ekel-Vegetarier. Das heißt, ich verzichte auf Fleisch weder aus gesundheitlichen Motiven noch aus Klimahelfersyndrom, sondern schlicht, weil mir die Vorstellung, tierische Kadaverteile zu zerkauen, Widerstand und Übelkeit bereitet. (In der Tat versuche ich erfolgreich, mich zwar vegetarisch, aber trotzdem ganz normal ungesund zu ernähren. Lecker muss es sein, gern deftig, fettig, süß und reich an pervers überzüchtetem Gengemüse. Und ich besitze keinen Kühlschrank, daher sind Konservierungsstoffe in meinen Augen nur segensreich.) Damit ist es für mich aber keine Option, von Sachen einfach abzubeißen um zu schauen, ob Wurst drin ist.

Auf einmal bin ich Mainstream

Gestern erlebte ich eine komplette Verwirrung meines herkömmlichen Wertekompasses. A., die mich auf diesen Neujahrsempfang geschleift hatte, stand neben mir am Buffet und maulte: Das einzige, was sie hier essen könne, wären trockene Laugenteilchen. Sonst war nichts vegan. Es gab mit Käse überbackene Lasagne (mutig, das als Fingerfood zu reichen, aber geglückt); Schwarzbrothäppchen mit Frischkäse; Weißbrothäppchen mit Scheibenkäse; Butterbrezeln; und eben ein paar trockene Laugen.

Gestern stand ich zum ersten Mal auf dieser Seite des Zauns: Da steht neben mir eine Veganerin und kann fast nichts vom Buffet essen. Und ich bin auf einmal der barbarische Tierproduktfresser, der eklige Vegetarier. Ich würde Kuchen essen, in dessen Teig jemand Hühnerembryos verquirlt hat. Ich weiche mein Müsli in Muttermilch von Rindern auf. Ich schmiere mein Brot mit Butter ein und ich esse meine Pizza mit so viel Käse, dass mir das Fett am Gesicht runter läuft.

Die Tatsache, dass jemand vegan isst und mein Essen verachtet, provoziert mich und lässt mich einen Rechtfertigunsdruck spüren, der in Wirklichkeit gar nicht da ist. Ich muss mich beherrschen, um nicht auszuteilen: „Käsebrötchen! Hast du Angst, dass es Muuuh macht, wenn du reinbeißt?“ – Das sind so Sprüche, für die ich Menschen immer boxen wollte, wenn sie gegen meinen Vegetarismus ätzten. Jetzt weiß ich mal, wie das ist.

Kerstin Andreae hatte sinngemäß in ihrer Neujahrsansprache gesagt: Manchmal würden die Grünen für arrogant gehalten, weil sie als Besserwisser auftreten. Aber sie glaubten nun mal aufrichtig, dass sie es besser wüssten. Heute seien sie regierungserfahren, wählbar und in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Aber nicht, weil sie sich in der Mitte eingebiedert hätten, sondern weil sich gesunder Menschenverstand ausbreite und die Mitte zu den Grünen kommt. Man müsse – zieht Andreae ihre Lehren – einfach nur lange genug da stehen bleiben, wo man ist, dann würden die Leute schon kommen.

Fun Fact: Zu Abraham Lincolns Zeiten waren die Republikaner eine linke, progressive und fortschrittliche Partei. (Die Demokraten spielten noch keine Rolle.) Heute sind sie in den USA die Konservativen.

So ist das. Unter Lincoln war ich ein Freak, weil ich nur Sachen ohne Fleisch aß. Heute ist Ovo-Lacto-Vegetarier unter Umständen schon konservativer Mainstream und die Veganer sind die neuen Freaks. Die mich für einen ekligen Barbaren halten müssen. Für einen vorgestrigen Tierproduktfresser. Der agrarischen Fortschritt nicht rückgängig machen will, gern einen Hummer fahren würde und am besten in der NRA aktiv ist.

(Ich würde sehr gern mal Hummer fahren, aber von Waffen halte ich überhaupt nichts. Nur um das klarzustellen. Wenn ich mir ein Busticket kaufe, zahle ich immer die paar Cent extra, die meine Reise angeblich CO2-neutral machen. Außerdem bin ich schon Vegetarier und Mülltrenner, also ist es völlig okay, wenn ich ein fettes fossiles Auto fahre, wenn ich mal groß bin.)


* Disclosure: Als Freiberufler mache ich PR für Kerstin Andreae. Ich bin kein Mitglied der Grünen oder irgendeiner anderen Partei.

** Ge|mü|se|schei|de, Subst., f.:


Kaninchenfraß:

7 Kommentare

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7 Antworten zu “Die Mitte der Gesellschaft ist jetzt bei mir angekommen

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  5. „Vegetarisch von Metzger Müller, schließlich ist heute Veggie Day“

    —http://www.badische-zeitung.de/freiburg/leute-xhise2hix

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