Martin kuckt »Lawrence of Arabia«

MJKK

Martin kuckt Lawrence of Arabia

»Lawrence of Arabia«
von David Lean ist ungefähr der »Buddenbrooks«* unter den Filmklassikern: Lang, episch und man muss spüren, wann man dafür bereit ist.

David Lean komponiert: Hinter einer Sanddüne kommt ein Schiff vorbei. Vorher schon hören wir: Ein Schiffshorn tuten. Zwei Männer haben gerade wochenlang eine Wüste durchquert. »Ich glaube, wir sind da.«

David Lean komponiert: Hinter einer Sanddüne kommt ein Schiff vorbei. Vorher schon hören wir: Ein Schiffshorn tuten. Zwei Männer haben gerade wochenlang eine Wüste durchquert. »Ich glaube, wir sind da.«

»Buddenbrooks« habe ich mit 13 gelesen, über das Weihnachtshalbjahr. »Lawrence of Arabia« habe ich zum ersten Mal mit 18 zu schauen versucht**; es war der Sommer, in dem ich mich auf ein Schiffspraktikum vorbereitete und durch Ägypten fahren würde. Drum ist mir damals auch nur ein einziges Bild in Erinnerung geblieben: die Einstellung kurz vor der Zwei-Stunden-Marke, in der Lawrence gerade sämtliche Wüsten auf Sinai durchquert hat und im wahrsten Sinne des Wortes ein Wüstenschiff erblickt. Es fährt im Suez-Kanal, ist aber bis auf Aufbauten, Masten und Schornstein verborgen von einer Sanddüne.

Die Düne von der anderen Seite: Der Suezkanal ist links und rechts meistens ziemlich öde.

Die Düne von der anderen Seite: Der Suezkanal ist links und rechts meistens ziemlich öde.

Die Düne habe ich später in dem Sommer von der anderen Seite gesehen. Der Suez-Kanal ist so eine Art Autobahn für Schiffe längs durch Ägypten. Wobei die Geschwindigkeitsbegrenzung auf acht Knoten*** peinlich streng eingehalten wird.

Durch den Suezkanal fährt man nur in Konvois: Einmal am Tag treffen sich am Süd- wie am Nordeingang jeweils rund 20 Schiffe. Der Konvoi aus dem Süden parkt dann nach einem Drittel der Strecke im Bittersee und lässt den Konvoi aus dem Norden passieren. Für Gegenverkehr ist kein Platz im Kanal selbst.

Er ist sogar so schmal, dass man, auf der Brücke eines Schiffes stehend, links nur Sand und rechts nur Sand sieht. Blickte man weder nach vorn noch achtern, käme man gar nicht auf den Gedanken, dass man Wasser unter sich hätte.

Man sollte mehr David Lean kucken. »Lawrence of Arabia« ist vor allem filmhandwerklich ein guter Film. In puncto Drehbuch: Weiß ich nicht. Ich finde Biopics öde, darum bin ich voreingenommen.

Der Schnitt ist etwas strange umgesetzt: Grandiose Bilder sind grundsätzlich nur kurz zu sehen. Gute Bilder dafür ewig. Um nicht zu sagen, manchmal scheint sich der Film in einer guten Einstellung ein bisschen selbst zu vergessen und verharrt langatmig auf dem Stillleben.

Bilder die ich mag:

  • Wie Lawrence im Angesicht der Artilleriedämmerung die Trommel seines Colts streichelt.
  • Wie er im Gegenlicht über die Dächer von Eisenbahnwaggons läuft, während die Kamera ihm so folgt, dass die Sonne immer genau von ihm verdeckt wird; nicht einmal blinkt ihr Schimmer an ihm vorbei.
  • Wie die Wüstenkämpfer seinem Schatten folgen.****

– Würde ich eigentlich dieselben Punkte wieder mögen, wenn ich den Film noch einmal sehe, oder werde ich sie vielleicht vergessen und gar nicht mehr wahrnehmen in ein paar Jahren?

Das ist das Beste, was ich bis jetzt aus meinem Studium erworben habe: Filme für ihr Handwerk schätzen können. Mich nicht zu langweilen, wenn Spannung oder Plot-Neugier das Interesse für den Film gerade mal nicht mehr tragen. Mit 18 war ich auch schon ein pflichtbewusster Klassikerkucker, aber nicht unbedingt ein Mitlassikernspaßhaber. Ich bin, das muss man doch sagen können, vor Langeweile eingeschlafen.

(Wer war eigentlich T. E. Lawrence? Ah, danke Wikipedia.)

Das Ende kommt  nicht verfrüht, aber überraschend. Nicht so gut geschrieben, wie manche Szenenfolgen und -kontraste in der Mitte: Warum führt man eine Rahmenhandlung ein und greift sie dann nicht wieder auf? Damit wird die Rahmenhandlung zu einer transplantierten Einleitung, die überflüssig wäre. Außer, indem sie Lawrence’s Sonntags-Das-Motorrad-Putzen-Vorstadt-Leben zeigt, in das er abgestiegen ist und seinen banalen Tod durch überhöhte Geschwindigkeit.*****

Jetzt habe ich schon wieder vergessen, was T. E. Lawrence gemacht hat und wie nochmal die Story ist. Aber Bilder und Stimmung aus »Lawrence of Arabia« gehen mir nicht so schnell aus dem Kopf. Ist ja auch mal was, was einem Film Wert gibt.

*VB+

** Im »Die besten Filme aller Zeiten«-Abendprogramm.

*** Acht Knoten sind acht Seemeilen pro Stunde, das heißt acht mal 1,852 km pro Stunde. Die Geschwindigkeitsbegrenzung gilt in erster Linie, damit die Riesenschiffe nicht die Dünung unterspülen und Sand aufwirbeln, der die Fahrrinne auffüllen würde.

**** Was ich nicht so mag: Wie theaterlig Peter O’Toole spielt. Die anderen spielen gut, inklusive Omar Sharif.

***** Entgegen dem, was ich vorher gesagt habe, ist am Ende aber wieder geil: Wie er von einem Motorrad überholt wird, so dass zumindest motivisch der Rahmen geschlossen wird.

(Für 11.07.)

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2 Kommentare

Eingeordnet unter 06 Martin Josts Kulturkonsum, Martin kuckt, Zur See

2 Antworten zu “Martin kuckt »Lawrence of Arabia«

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