Martin hat gewählt


Ich als Freiburger

Martin denkt ernsthaft nach.

Martin denkt ernsthaft über Politik nach.

Freiburg. (mjeu/majo) Ich denke, alle klugen Deutschen erkennt man daran, wie unzufrieden sie mit dem Ausgang der Bundestagswahl vom letzten Sonntag sind. (Ein altes Stilmittel stilloser politischer Polemik: Erkläre die andere Meinung mit der Dummheit deiner Opponenten.) Das hier ist ein Meinungsblog und daher nenne ich Schwarz-Gelb jetzt einfach mal dumm gelaufen. Ja, mir wäre ein halbes Jahr Gerangel und Gedisse in Elefantenrunden und dann Neuwahlen oder vier Jahre gelähmte Koalition lieber als vier Jahre rechte bzw. konservative* Regierung, die unsere Atomkraftwerke womöglich an lässt.

Nun muss ich andererseits sagen: Merkel ist ja kein Unmensch. Ich hasse es, wenn die CDU was reißt, aber während der vier Jahre Merkel-Legislatur bin ich erfahrungsgemäß immer nicht illoyal gegenüber der Kanzlerin. Taktisch denkende, gelassene Naturwissenschaftlerin mit weiblichem Führungsstil: Denkt man sich die Partei weg, wäre sie eine sehr wählbare Persönlichkeit. Und außerdem ist die CDU ja auch nicht mehr so schlimm wie früher mal.

Noch so ein Topos der letzten Zeit: Zwischen den großen Parteien gebe es ja ohnehin keine Unterschiede. Das war schon 2005 in aller Munde, als das schwarze Wahlprogramm ökologisch und sozial wurde. Im Wahlkampf 2009 hatten die plakativen Spitzenpersönlichkeiten der beiden großen Parteien nicht einmal genug Meinungsverschiedenheiten, um eine 90-minütige Fernsehsendung mit Spannung zu füllen. (Habe ich Leute sagen hören. Ich kuck’ ja kein Fernsehen.)

Ich habe folglich in erster Linie Persönlichkeiten gewählt. Ich habe auf meine Intuition gehört. Und auf den Wahl-O-Mat. Darum darf ich mich auch nicht beschweren, dass die SPD abgekackt hat: Ich habe ja keine SPD gewählt. Und ich habe bis jetzt immer gewählt, seit ich wählen darf und ich habe immer, wenn ich gewählt habe, eine Stimme der SPD gegeben. (Außer bei Kommunalwahlen. Da habe ich bis jetzt immer mich gewählt. Das ist aber auch ein geiles Gefühl!)

In meinem ganzen Leben habe ich Sonntag zum ersten Mal nicht Rot-Grün gebundestagsgewählt. (Das fühlt sich nur so lange an. Wenn man nachrechnet, war das erst meine dritte Bundestagswahl überhaupt.) Nach der Europawahl war mein Mitleid für die SPD aufgebraucht. Die sind blass und peinlich. Die. Der Steinmeier. Und wie sie alle heißen. Wenn die ganze SPD so gut reden könnte wie der Gernot Erler (obwohl der so diabolisch aussieht), dann hätte ich die schon gewählt.

Ich seh das so: Einmal noch vier Jahre Schwarz-Gelb, dann sind alle angestunken von dem kaffeesatzklebrigen schwarzen Muff, so ähnlich wie nach der Bush-Ära, und die SPD hat sich in vier Jahren erholt und hat wieder Politiker, die man vorzeigen kann.

Was ich ja auch mal wählen würde, wenn es das gäbe: Eine Partei noch ein Stück links von der SPD, aber nicht so eine grüne Ökodiktatur.** Es müsste halt eine linke Partei sein, die von hippen, klugen, jungen Linken getragen wird. Und nicht von senilen Kaderkadavern und Systemprols*** wie Die Linke.

Was ich in all dem Jammern (auf hohem Niveau) vergesse, ist, wie liebenswürdig unsere Parteiendemokratie eigentlich ist. Blabla nur fünf Parteien zur Auswahl oh Mann und keine entspricht mir haargenau ohje wie traurig Tüte Mitleid Buhu! Zum Beispiel war ich Dienstag bei einer Lesung in der Freiburger Volkshochschule. Lucia Engombe hat ihr 2004 veröffentlichtes Buch Kind Nr. 95**** vorgestellt, in dem sie beschreibt, wie sie als eins von hunderten unterernährter namibischer Kinder im Grundschulalter aus einem angolanischen Pflüchtlingscamp gepflückt wurde und in die DDR geflogen. In einem Kinderheim und später Internat in Deutschlands Osten lernten sie Deutsch und wurden mit militärischem Drill zur SWAPO-Parteielite erzogen, um später ihr Herkunftsland Namibia, die ehemalige deutsche Kolonie, von der Südafrikanischen Apartheid-Besatzung befreien zu können. (Rabbit Proof Fence meets Little Nikita.) Welches Regime ist hier eigentlich böse? Naja, jedenfalls hatte die DDR 1990 plötzlich andere Sorgen als aus Solidarität namibische Kids zu Befreiungsgenossen zu erziehen und flog die Kinder wiederum in einer Nacht- und Nebelaktion nach Namibia aus, wo sie einen neuen Kulturschock erlitten, obwohl sie nach über zehn Jahren endlich ihre Eltern wieder sahen.

Warum ich von Frau Engombe aber erzähle, sind die Geschichten, die sie erzählt und die nicht im Zentrum ihres Buchs stehen: Lucia Engombe arbeitet jetzt als Journalistin für den deutschsprachigen Radiosender in Namibias Hauptstadt Windhoek. Nebenbei schreibt sie an weiteren Büchern, inzwischen auch belletristischen (»Ein Antidot zu Harry Potter. Mit einem Mädchen als Heldin.«) Ihre Schrift-Sprache ist Deutsch. Die Kinder, die in die DDR verschleppt wurden, trafen sich, zurück in Namibia, regelmäßig im »Ossi-Club«. Warum ich aber jedenfalls von Frau Engombe erzähle, ist ihre lakonische und fast ergebene Sicht auf Demokratie: »Jetzt sind wieder Wahlen in Namibia. Die SWAPO hat gesagt, wenn sie nicht gewinnt, gibt es Krieg. Naja, die wird schon gewählt werden. Die Leute haben gerade keine Lust auf schon wieder Krieg. Ist ja auch nicht so schlimm, die Partei. Besser als Krieg.«

Da gibt es Leute, die müssen fürchten, wieder in verseuchten Camps ohne Strom und Essen zu leben und in den Wald zu kacken und vielleicht totgeschossen zu werden, wenn sie die »falsche« demokratische Wahl treffen. Und hier sitzen wir dagegen. Wenn ich ehrlich bin, ist was ich mir von einer deutschen Wahl erhoffe, das richtige Ambiente. Vier Jahre will ich die richtige Stimmung und gemütliches Licht. Ich will gelassen sein. Mehr als Grundstimmung und Ambiente zu verändern traue ich einer Wahlentscheidung überhaupt nicht zu. Dass die eine Koalition für mich fühlbar andere Politik machen würde als die andere, das glaube ich doch selbst nicht. Und unter keiner Regierung würde es mir schlecht gehen: Meine Generation und ich leben prekär und ohne Geld. Aber na und? Hungere ich? Kein Ding. Kriege ich eine übelst luxuriöse Hochschulausbildung in den Po geblasen? Haja. Solange ich hier wohnen werde, werde ich es mir vermutlich immer leisten können, zum Arzt zu gehen. Etwas anderes kann ich mir gar nicht vorstellen. Und wenn meine Nachbarn nachts zu laut sind oder sonst was furchtbar Schlimmes passiert, rufe ich die Polizei. Die Polizei ist immer auf meiner Seite. Krass, oder?

Ich nehme mir fest vor, mein Luxusland weiterhin so zu schätzen zu wissen und in Zukunft nur noch zu wählen, weil ich glaube, dass es wirklich etwas zum Guten verändert. Immerhin habe ich die Wahl und keiner macht Krieg, wenn ich mein Recht auf Kreuzchen wahrnehme.

*Konservatismus ist widernatürlich, hast du dir das eigentlich schonmal klar gemacht? Es liegt in der Natur des Menschen, sich und seine Technik und seine Gesellschaft progressiv weiter zu entwickeln. Verharren ist krank.

Würde die CDU schon seit der Steinzeit unablässig regieren, wären heute immernoch das Feuer und das Rad verboten. Ich schwör.

** Ich liebe es: Dass ich meine offene Milch im Zimmer stehen lassen kann und wenn ich nach zehn Tagen aus dem Sommerurlaub zurück komme, schmeckt sie immernoch, wie Milch eben schmecken soll. Ich hasse das: Dass es jetzt schon bei Aldi immer nur noch Bioscheißdreck-kotz-ekeliges Krumpelgemüse mit braunen Flecken gibt, das krumm ist und auf dem Weg nach Hause schon zu gammeln anfängt und mehr Geld kostet.

Ich würde in Kauf nehmen, dass ich ab und an im Dunkeln sitze, wenn dafür besser früher als später alle Kernkraftwerke abgeschaltet würden. Aber was man gegen genetische Verbesserung von Essen haben kann, ist mir unklar. Darum auch höchstens eine Stimme für die Grünen.

*** Prols hier: Proleten, nicht Proletarier.

**** QB+

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Martin hat gewählt

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